204 IV. Von Augustus bis zum Untergang des Weströmischen Keiches.
drophagi (Menschenfresser), welche in dem heutigen Gubernium Kijewam Ros Flusse nördlich der Scijthae agricolae wohnten. Das Land aberder Androphagen trennte der Dnjepr von dem Gebiete der Melan-chlaeni (die Schwarzgekleideten). Weiter nördlich von diesen Völkernnimmt Herodot das ausgedehnte Gebiet des grossen und zahlreichenBudinervolkes an, mit hellblauen Augen und hellblonden Haaren. Indem Lande der Budiner wohnten auch, nach Herodot, die Heioper,Nachkommen der griechischen Kolonisten'ain schwarzen Meere, welchehierher gezogen waren in die hölzerne Stadt Gelon (an der Stelle desheutigen Kijew).
Selbstverständlich waren alle oben angeführten Namen nicht eigent-lich scythische, sondern durch die Griechen den Eingeborenen nachäussern Abzeichen u. s. w. beigelegt, ohne irgend welche ethnogra-phische Unterscheidung. Als später Alexander d. Gr. bis zum Jaxartesvordrang und dort auf die Scythen stiess (sarmatische Alanen, s. unten),da begannen die Griechen sich zu überzeugen, dass sie den Tanais(Don) und Scythien erreicht hätten. Seitdem kam bei den griechischenSchriftstellern die Benennung asiatisches Scythien in Gebrauch,womit sie das heutige Turkestan bezeichneten. Später kennt Strabo,ein Zeitgenosse des Augustus, nur noch ein Scythien — in Asien, daseuropäische Scythien heisst bei ihm schon Sarmatien. Seit dieserZeit nannten Griechen wie Römer die Ureinwohner des heutigen Russ-lands, und zwar des südlichen (scythischen), donischen (sarmatischen)und nördlichen (budinischen) unterschiedslos bald Scythen, bald Sar-maten. In dem Maasse, wie sich bei den Griechen und Römern diegeographischen Kenntnisse über Germanien und das östliche Europa er-weiterten, wurden die früheren Ripae oder Rifeae mehr und mehrnach Osten verlegt an das Rifeische Gebirge (Uralgebirge), dieHyperboreer aber an das Nordmeer selbst. Nach dem Untergangdes Weströmischen Reichs nannten die römischen Schriftsteller desMittelalters Osteuropa bis zum Don das europäische Scythien, dasLand dagegen östlich vom Don — das asiatische Scythien. Diebyzantinischen Christen nannten das heutige europäische Russland imAllgemeinen Scythia, die zum byzantinischen Reiche gehörende bul-garische Küsteulandschaft Dobrudscha von Mankale [Mqncjalia) biszur Donaum Undung aber — Klein -Scythien.
Diese alte griechische und römische Geographie Scythiens verdienteeine- besondere Beachtung in Bezug auf die wirkliche Geographie diesesLandes während der ersten 5 Jahrhunderte n. Chr. und der darauf fol-genden 4 weiteren Jahrhunderte, wie dies weiter unten auseinanderge-setzt werden soll.
Nicht geringere Beachtung verdient in dieser Hinsicht auch die alte