50. Milit. Organisation, Einrichtungen u. Kriegskunst im röm. Kaiserreich etc. 191
oder Forts von Rhätien bis zum Ocean u. s. w. Im Allgemeinen wurdendie Grenzen mit grossen oder kleinen Festungen besetzt oder sogar mitganz zusammenhängenden verschanzten-Linien, mit Erdwällen oder stei-nernen Mauern, Thürmen u. s. w. Aber das Alles hielt die Barbarennicht im Mindesten ab und konnte ihre Angriffe, Einfälle und Ver-heerungszlige nicht hindern. Die Festungen und verschanzten Linienmocbten noch so stark sein, sie konnten Jene nicht aufhalten, wenn dieVertheidiger dieser Linien und Forts keine Spur von Muth und Tapfer-keit mehr besassen. Aber für die eigentliche Fortification selbst alsKunst, war diese Zeit nicht ohne Nutzen, und obschon namentlich dieFeldbefestigungskunst seit Jul. Cäsar keine besonders wichtigen undhervorragenden Erfolge mehr erreicht und nicht annähernd wieder soungeheure Dimensionen angenommen hatte, wie Oäsar's Arbeiten, so warsie dennoch nicht in Verfall gerathen, sondern befand sich in blühender Ent-wicklung. Dasselbe ist auch von der Belagerungskunst zu sagen, welchefür den Angriff wie für die Vertheidigung zu der höchsten Entwicklungund Vervollkommnung im Alterthum gelangte. Das hatten namentlichdie vielen mehr oder minder wichtigen und bedeutenden Belagerungenjener Zeit herbeigeführt. Hinsichtlich der Mineurkunst und des unter-irdischen Belagerungskrieges waren besonders die vom Kaiser Julianbei der Belagerung der Stadt Maogamalcha in Persien im J. 363 ausge-führten Arbeiten dieser Art von Bedeutung. Im Allgemeinen gilt das,was oben im § 347 bezüglich des Standpunkts der Belagerungskunst inder Periode von 30 v. Chr. bis 284 n. Chr. gesagt wurde, auch von dergegenwärtigen Periode, 284—476 n. Chr.
Was die Brandgeschosse und Zündstoffe, welche geschleudert wur-den, anbelangt, so muss in Ergänzung des im § 347 Gesagten hier nochangeführt werden, dass keine weiteren Nachrichten über deren Anwen-dung während der vorliegenden Periode vorhanden sind, man weiss nur,dass sie bei den Römern mehr und mehr in Gebrauch kamen. In demMaasse, wie die Art ihrer Kriegführung und ihrer verschiedenen kriege-rischen Handlungen einen vorzugsweise, endlich sogar fast ausschliess-lich defensiven Charakter annahm, erweiterte sich auch mit der Anzahlder Wurfgeschütze und Maschinen, die Anwendung der Brandgeschosseund Zündstoffe, sowohl zu Lande wie zur See, wie bei der Belagerungund Vertheidigung von Städten und Festungen, so auch in den Kriegs-actionen im Felde, gegen befestigte Feldlager, wahrscheinlich sogar auchin Feldschlachten. Einen Anhalt für die letztere Behauptung giebt dies,dass die römischen Truppen und Heere bei ihrer vorzugsweise defensivenHaltung auf jede Weise bemüht waren den Feind in der möglichst weitenEntfernung aufzuhalten, wozu neben den Wurfmaschinen und -Geschützenauch Brandgeschosse u. dgl. wohl dienen konnten.