50. Milit. Organisation, Einrichtungen 11. Kriegskunst im rinn. Kaiserreich etc. 18'9
Die kriegerischen Uebungen (Frontexercitium u. dgl.) wurden unterDiocletian wie unter Constantin d. Gr. noch mit grösserer oder geringererSorgfalt vorgenommen. Aber nach Constantin d. Gr. schenkte die Re-gierung weder den militärischen Uebungen der Truppen noch der Be-schäftigung derselben mit gemeinnutzlichen Arbeiten (Anlegung von Be-festigungen, Wegen, Brücken, Gebäuden u. s. w.) mehr die geringsteAufmerksamkeit, und die Soldaten verbrachten die ganze Friedenszeitin Nichtsthun und Faullenzen, in Eigenmächtigkeiten, Thorheiten undGewalttaten; und gleich dem Volke, namentlich dem Pöbel Roms, beiden öffentlichen Schauspielen im Circus nach Blut lechzend, fürchtetensie feige den Tod im Kampfe und wandten sich vor dem Feinde schimpf-lich zur Flucht. Eine kriegswissenschaftliche Bildung war zwar beiden Römern vorhanden, aber wie bei den Griechen in der letzten Zeitwar es eine falsche und werthlose, deren Hauptzüge in leerer Pedanterie,nutzloser Kleinigkeitskrämerei und jämmerlicher Compilation bestanden.-Die besten Kriegsschriftsteller waren Griechen, unter den Römern ist dereinzige FlaviusVegetius, unter der Regierung Valentinian's II, Endedes 4. Jahrb., zu nennen, aber auch dieser war kein Kriegsmann.
Die militärische Zucht und der Geist der Truppen waren noch mehroder minder gut unter Diocletian, Constantin d. Gr., Julian, Theodosiusd. Gr., und einer kleinen Zahl der übrigen Kaiser und Feldherrn, welchesich bemühten, Beides herzustellen und nach Möglichkeit aufrecht zu er-halten. Aber nach diesen wenigen Ausnahmen sank Beides immer tieferbis zu einer in der Geschichte beispiellosen Stufe. Es ist in der Thatweder früher noch später irgendwo eine gleich tiefe moralische Ver-sunkenkeit nachzuweisen, wie sie hier das römische Heer zeigt, und dieman nur mit den dunkelsten Farben schildern kann. Die Bestrafungenfür militärische Vergehen und Verbrechen waren immer grausamer ge-worden, die Missethäter wurden qualvollen Torturen unterworfen, mitKnüppeln todtgeschlagen, geviertheilt, lebendig in die Erde vergrabenu. s. w. Aber das Alles nutzte zu gar Nichts: die Soldaten fürchtetendie Folter und den qualvollen Tod, aber mehr noch den offenen Kampfmit dem Feinde und den Tod in demselben, — und dieser Kleinnmthoder besser gesagt, diese Feigheit und Gemeinheit waren die hässlichstenLaster der tief gesunkenen Nachkommen ihrer ruhmreichen Altvordern!
Dafür waren in dem Systeme ihrer Belohnungen, nicht nach derguten, sondern nach der bösen Seite, dem System der Bestrafungenschnurstracks entgegenlaufende Veränderungen eingetreten. Wenn dieZüchtigungen unmenschlich grausam geworden waren, so erreichtendagegen die Belohnungen eine äusserste, ganz wahnsinnige Höhe. DerFrontsoldat wurde für kriegerische Auszeichnung, statt durch Avance-ment, durch Erhöhung des Soldes, durch verschiedene kostbare Zeichen