34 IV. Von Augustus bis zum Untergang des Weströmischen Reiches.
ihrer Mitte einen Führer erwählt hatten, welchem sie sich zu Treue undGehorsam verpflichteten, während er seinerseits ihren Unterhalt über-nahm und mit ihnen die Beute theilte. Durch solche Art von Geleitenwurde sogar der grösste Theil des Weströmischen Reiches erobert.
Die unaufhörlichen Kriege mit den Römern führten mit der Zeit auchin dem Kriegswesen der Germanen eine Menge Aenderungen herbei.Theils durch römische von den Germanen gefangene Krieger, theilsdurch römische Ueberläufer und Flüchtlinge, theils endlich durch ihreStammesgenossen, welche in grosser Anzahl im römischen Heere dientenund dann in ihre Heimath zurückkehrten, nahmen die Germanen mehrund mehr von der Bewaffnung, Organisation, Aufstellung und Kampf-art der Römerheere an. Grosse Schwerter, lange Lanzen, Helme undPanzer kamen mehr und mehr in Gebrauch bei ihnen. Ausserdem be-dienten sie sich grosser zweischneidiger Streitäxte und bei Belagerungund Vertheidigung von Städten auch der Bogen und Pfeile. Die Ger-manen kämpften, wie vordem, noch grösstentheils zu Fuss, aber dieFürsten, Heerführer und Vornehmen der höheren Klasse zu Pferde. IhreSchlachtordnung wird regelmässiger und ist in Centrum und Flügel ein-getheilt. Beim Angriff auf den Feind zertrümmern sie zuerst dessenSchilde, indem sie ihre Streitäxte mit grosser Geschicklichkeit und Kraftgegen dieselben schleudern, und dann werfen sie sich mit dem Schwertoder der Lanze in der Hand ungestüm auf ihn und erringen im Hand-gemenge durch ihre ausserordentliche Körperkraft, Gewandheit, Behen-digkeit und grossartige Tapferkeit meist rasch und leicht den Sieg.Gleich den Römern der früheren Zeit lagern sie jetzt in befestigten La-gern, in der Nähe von Wasser, sichern die Lagerzugänge durch Verhaue,Zaunpfähle, halb in die Erde eingegrabene Wagenräder u. s. w. BeiBelagerung und Vertheidigung von Städten verfahren sie fast ganz wiedie Römer: sie führen, obschon wohl mit weniger Geschick, dieselbenArbeiten aus und wenden dieselben Maschinen zur Zerstörung der Mauern,zum Schleudern von Gegenständen und zum Schutz der Arbeiten an,auch Brandpfeile zur Entzündung der Holzconstructionen, der Belage-rungsgeschütze und Maschinen, und zur Bewahrung derselben vor demFeuer bedeckten sie sie mit Fellen u. s. w. Auf diese Weise fügten sieihrer alten Ueberlegenheit in sittlicher Beziehung noch das hinzu, wasihnen vordem gemangelt hatte, d. h. bessere Bewaffnung, Formationund sogar militärische Ordnung. Dadurch wuchs ihre Ueberlegenheitüber die Römer in demselben Maasse, in welchem die Römer selbst insittlicher und theilweise auch in taktischer Hinsicht gegen sonst bergabgingen.
Schliesslich ist noch einiger germanischer Stämme Erwähnung zutlum, welche durch irgend welche Besonderheiten in kriegerischer Be-