30 IV. Von Augnstus bis zum Untergang des Weströmischen Reiches.
muthig und tapfer. Hoch von Wuchs, kräftig und von starkem Körperbau,ertrugen sie Kälte und Hunger mit Leichtigkeit, Hitze und Durst dagegennur schlecht. Sie lebten in gesonderten Stämmen, Geschlechtern (Sippen)und Familien, in getrennten Wohnungen, welche mit einander zu Gauenunter der Leitung der Aeltesten (Grau, Grav) verbunden waren. Sietheilten sich in zwei Classen, deren höhere und herrschende das Landallein besass, sich mit dem Kriege befasste, das eigentliche Volk bildeteund die allgemeinen oder öffentlichen Angelegenheiten verwaltete; dieniedere dagegen befand sich in vollkommenster Abhängigkeit von derersteren und umfasste alle die auf demselben Boden Lebenden, die nurmit Bearbeitung des Ackers oder groben Arbeiten und der Bedienung derGrundbesitzer betraut waren. Ausserdem gab es noch" Sklaven undKriegsgefangene. Der Krieg war nicht nur die hauptsächlichste undLieblingsbeschäftigung, sondern eine wahre Leidenschaft der höherenKlasse, ein Mittel zur Erlangung von Reichthum, Macht und Ruhm.Deshalb lagen die Germanen in unaufhörlichen Kriegen untereinanderund mit fremden Völkern, und wenn sie Kriege führten, so führten sieRäubereien und Plünderungen aus, was sie durchaus nicht für schimpf-lich , sondern für eine edle und der Jugend heilsame Beschäftigung undUebung hielten, oder sie brachten ihre Zeit auf der Jagd, mit Spielenoder mit Nichtsthun hin. Die Bearbeitung der Erde und alle Hausarbeithielten sie eines Kriegers unwürdig und überliessen sie den Sklaven,Dienern, Greisen und Weibern. Alle der höheren Klasse Angehörendenlegten niemals, auch im Frieden nicht, ihre Waffen nieder. Wenn dieJünglinge dieser Klasse volljährig und in einer Volksversammlung fürwürdig erklärt worden waren der Ehre die Waffen zu führen (wehrhafte),so wurde ihnen inmitten dieser Versammlung unter besonderen Ceremo-nien feierlieh Speer und Schild überreicht, und von diesem Augenblickean gehörten sie nicht mehr der Familie, sondern dem Gemeinwesenund zählten zu der effectiven allgemeinen Kriegsmacht. Gewöhnlichtraten sie freiwillig bei irgend einem von ihnen auserwählten, tapfernund durch Kriegsthaten berühmten Krieger in Dienst, schwuren ihn bisaufs Aeusserste zu schützen, in Gefahren ihn zu retten, mit ihm zusam-men im Kampfe zu sterben, und bildeten so seine Schaar, sein Geleit.Der Anführer des Geleits unterhielt sie auf seine Kosten und beschenkteund belohnte die sich Auszeichnenden. Der Krieg diente ihm als Haupt-quelle für die hierzu erforderlichen Mittel. Ausserdem leistete die Ge-meinde (der Gau) dem Geleitsführer freiwillige Abgaben an Brod undVieh, bisweilen schickten ihm auch die benachbarten Stämme als Zeichenihrer Achtung Schlachtrosse, Waffen, Geld u. s. w. Das Geleit bildeteein besonderes Truppencorps, welches seine Rangstufen hatte; derFührer vergab die Offiziersstellen nach der Würdigkeit, was einen