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Abth. 1, Das Alterthum Bd. 5 (1878) Von Augustus bis zum Untergang des weströmischen Reiches : (30 v. Chr. bis 476 n. Chr.)
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49. Milit. Organisation, Einrichtungen u. Kriegskunst im röm. Kaiserreich etc. 27

Ganz besonders kam die ballistische Kunst in dieser Periode sehrzur Anwendung und dadurch zur Entwicklung und Vervollkommnung.Die Zahl der Wurfmaschinen, welche bei Belagerungen gebraucht wur-den, wuchs ebenso wie die der in Feldactionen gebrauchten. So führte,nach der Versicherung des Flavius Josephus, Titus bei der Belagerungvon Jerusalem 300 Katapulten und 40 Bailisten mit sich. Späterhinscheint die Bezeichnung Katapulta nicht mehr gebräuchlich, dagegender Name Balliste für alle horizontal schiessenden Geschütze über-haupt angenommen worden zu sein; die vorzugsweise im Bogen wer-fenden Maschinen erhielten den allgemeinen Namen Onager. Uebrigenssind in dieser Hinsicht weder die alten noch die neueren Schriftstellerunter sich einig. Die Construction der Geschütze wurde vervollkommnet.Die Belagerungsgeschütze und ebenso die anderen Belagerungsmaschinen(Widder, bewegliche Sturmdächer, Thürme u. s. w.) wurden an Ort undStelle und oft in colossalen Dimensionen angefertigt. Die Armeen führtennur das zum Gebrauch dieser Maschinen erforderliche Material (Eisen,Nägel, Taue u. s. w.) mit sich.

§. 348.Standpunkt der Kriegskunst im Allgemeinen.

Fassen wir alles über den Standpunkt der Taktik, Lagerkunst,Fortification, Poliorcetik und Ballistik bei den Römern jener Periodeoben Gesagte zusammen, so muss man zugeben, dass die Kriegskunstim Allgemeinen damals in gewisser Hinsicht nicht in Verfall, sondernsogar höher als vordem entwickelt und vervollkommnet war, und zwarnamentlich im 1. und 2. Jahrh. vorzugsweise nach der praktischen, im3. Jahrh. dagegen nach der theoretischen Seite. Die Erfolge der römi-schen Waffen in den beiden ersten Jahrhunderten, sowie die grosse Zahlkriegstheoretischer Werke im 3. Jahrh. bezeugen dies hinlänglich. Aberbei dem von Beginn dieser Periode bis zu ihrem Ende hin zunehmendenVerfall der militärischen Organisation des römischen Reiches wie derOrganisation und des sittlichen Standpunktes des römischen Heeres ver-dankten die Römer die Erfolge ihrer Waffen in den ersten beiden Jahr-hunderten nicht sowohl der praktischen Vervollkommnung der Kriegs-kunst, als vielmehr der hohen kriegerischen Begabung und Feldherrnkunsteiniger ihrer Kaiser oder Heerführer. Vom 3. Jahrh. an, wo die Desor-ganisation und moralische Verderbtheit des römischen Heeres ihren Höhe-punkt erreichten, war auch die Kriegskunst der Römer bei aller Entwick-lung und Vervollkommnung in theoretischer Beziehung nur eine todte,leere und nichtige Form, gleich einem Leibe ohne Seele. Man kann da-her von diesem Gesichtspunkte aus mit Recht behaupten, dass in dieser