49. Milit. Organisation, Einrichtungen u. Kriegskunst im röm Kaiserreich etc. 21
Eigenschaften und Tugenden, des Gehorsams, der Subordination und desmilitärischen Geistes in ihnen. Die Gründe hierfür waren: 1) der Luxus,die Verweichlichung und Sittenverderbniss, die sich von Rom aus überdie Provinzen und das ganze Eeich verbreiteten, von den höchsten Classensich auf die niedrigsten und auf das Heer übertrugen und tiefe Wurzel indemselben schlugen, und 2) die Stellung, welche Augustus sich, seinenNachfolgern bis zu Diocletian und Constantin d. Gr., dem Heer und demVolke im Staate gegeben hatte, der zufolge die Kaiser, welche im Heeredie Hauptstütze ihrer Macht fanden, demselben auf alle Weise schmeichel-ten, es verwöhnten und die militärische Ordnung in demselben lockerten,im entgegengesetzten Falle aber dessen Eigenwillen und Frechheit ent-weder nur auf kurze Zeit bändigten oder selber dabei zum Opfer fielen.Schon zu Augustus' Zeit war die moralische Kraft des Heeres durch dievorhergegangenen Bürgerkriege von Grund aus erschüttert. Aber Au-gustus that wenigstens Alles, was er vermochte, wenn auch nicht zurWiederherstellung der früheren militärischen Tugenden im Heere — daswäre unmöglich gewesen —, so doch zur Aufrechthaltung einer straffenOrdnung und eines möglichst guten Geistes im Heere. Und wenn dierömischen Truppen unter ihm mit Erfolg, mit Ehre und Ruhm fochten,so verdankten sie dies lediglich ihm selber und seinen verdienstvollenFeldherrn. Das Gleiche gilt vom römischen Heere unter den besten Nach-folgern des Augustus: Vespasian, Titus, Trajan, den Antoninen, Alexan-der Severus, Aurelian und einigen wenigen anderen Kaisern, welche dieStrammheit militärischer Ordnung aufrecht zu erhalten oder sogar wieder-herzustellen wussten, obgleich sie die früheren kriegerischen Tugendenund den alten Geist, die für immer verloren gegangen waren, nicht wieder-zubringen vermochten. Mit diesen Ausnahmen aber erscheint das römischeHeer in sittlicher Beziehung auf dem Gipfel des Verfalls, gleich einemnicht zum Wohle, sondern zum Verderben des Staates erschaffenen Un-geheuer. Die niedrigsten, gemeinsten Triebe und Leidenschaften warenan die Stelle der früheren edlen Gefühle der Ehre, des Ruhms, der Vater-landsliebe getreten. Gesetzlosigkeit, Willkür, Frechheit, Corruption undLüderlichkeit an die Stelle der früheren straffen Subordination und Dis-ciplin. der strengen kriegerischen Sitten und Tugenden. Und das Uebel,auf kurze Zeit unterdrückt, wuchs dann aufs Neue und erreichte schliess-lich eine unglaubliche und erschreckende Höhe. Die Geschichte hatteschon Beispiele von Verderbniss und Verfall der Sitten in anderen Heerenaufzuweisen, so bei den alten Persern, bei den Griechen, aber von solchentsetzlichem Grade der Corruption, wie bei den Römern dieser Periode,gab es noch kein Beispiel, und wird es deren schwerlich je welche geben,denn Schlimmeres als dieses kann man sich nicht vorstellen. Der sittlicheUntergang, die Auflösung des römischen Heeres jener Zeit bleibt für alle