332 HI. Vom Tode Alexanders d. Gr. bis zu Augustus (323—30 v. Chr.).
Ordnung bei ihnen aufrecht zu erhalten, sie anzufeuern und zu begei-stern, zu den schwierigsten und gefahrvollsten Thaten, wie zur geduldi-gen Ertragung aller Mühen und Entbehrungen des Kriegs- undCampagne-lebcns zu vermögen, und ihnen unbegrenzte Liebe und Ehrfurcht, Erge-benheit und Vertrauen, Muth, Festigkeit, Ausdauer und eine glänzendeTapferkeit in der Schlacht einzuflössen. Sie Alle erreichten dieses durchunausgesetzte aufmerksame Sorge um ihre Soldaten und ihre Bedürfnisse,durch freundliches, gütiges und leutseliges Verhalten zu ihnen, durchGerechtigkeit der Belohnungen und Bestrafungen, Freigebigkeit beiersteren undMässigung bei letzteren, endlich durch ihr persönliches Bei-spiel und ihre ungewöhnliche Beredsamkeit. An hinreissender Machtdieser letzteren waren sie Alle gleich, sie hatten aber ihre dem Charaktereines Jeden entsprechenden Besonderheiten. Bei Alexander und Hanni-bal bestand die Gabe der Kede in der Tiefe und Wahrheit der nur mitwenigen aber kräftigen Worten ausgesprochenen Gedanken. Cäsar da-gegen war im vollsten Sinne des Wortes ein ausgezeichneter Redner, derschon vor dem gallischen Kriege auf der Bednerbühne einen hohen Gradvon oratorischer Kunst entfaltet hatte.
Wenn sie aber Alle durch dieselben Mittel die Liebe, das Vertrauenund den Gehorsam ihrer Krieger erzielten, so war dies doch für Alexan-der und Cäsar sehr viel leichter, als für Hannibal, der in dieser Bezie-hung sich sehr erheblich von ihnen unterscheidet.
Weder Alexander noch Hannibal waren von Natur grausam oderrachsüchtig, tückisch oder hinterlistig, sie zeigten vielmehr in allen ihrenHandlungen eine ungeheuchelte Menschenliebe und Hochherzigkeit (diewenigen Ausnahmen abgerechnet, welche in ihren Charakteristiken an-geführt wurden). Cäsar aber, der nur eine Leidenschaft, die Herrsch-sucht, kannte, hatte kein Gefühl. er kannte die Menschen und verach-tete sie, gebrauchte sie aber für seine Zwecke, — wahre Herzlichkeit,Menschenliebe und Hochherzigkeit besass er nicht. Alles auf sich undseine Ziele beziehend, zeigte er in gewissen Fällen und gegen gewisseLeute auch Menschenliebe und Hochherzigkeit, gegen Andre in andernFällen war er kalt, sogar, nach Napoleon's I. Ausdruck, wild grau-sam, was auch seine unbedingten Lobredner sagen mögen, welche ihnzu einem Lamm an Güte und Milde machen wollen. Nicht umsonst warer ein Kind seiner Zeit!
Alexander und Hannibal waren ehrgeizig, aber ihr Ehrgeiz war einedler und erhabner. Cäsar dagegen war nicht eigentlich ehrgeizig, son-dern herrschsüchtig: Ehren verachtete er nicht und suchte sie, aber nichtsie bildeten den Hauptzweck seines Lebens, sondern die Macht, die wei-teste und unbegrenzte; und wenn er sie erlangt hätte, würde er dochkaum ein Monarch wie Alexander geworden sein, denn es steckte in ihm