96 III. Vom Tode Alexanders d. Gr. bis zu Augustus (323—30 v. Chr.).
Linien sein mochten, wenn die Hauptmacht der Gallier von Westen hereinen entscheidenden Angriff auf dieselben ausgeführt hätte, währendgleichzeitig Vergasillaunus von Nordwesten und Vercingetorix von Nor-den her sie erstürmten, so hätte die Lage Cäsar's mit seinem Heereäusserst gefährlich werden können, aus dem Belagerer wäre er selbstzum Belagerten geworden. Zu guterletzt aber überwand sein ausser-ordentliches Genie und die Tapferkeit seiner Truppen die an Zahl über-legene, gleichfalls tapfere, aber schlecht organisirte und verwendete be-waffnete Macht der Gallier und führte zu dem gewaltigen kriegerischenund politischen Resultate, welches wir später sehen werden.
Aus diesem Grunde ist dieses siebente Kriegsjahr Cäsar's in Gallienüberhaupt das wichtigste und interessanteste von allen acht Kriegsjahrenin jeglicher Beziehung, sowohl taktisch, wie strategisch, wie hinsicht-lich der Belagerungskunst. Besondres Interesse erregen wegen dergenialen Anordnung und Ausführung: 1) der Marsch Cäsar's aus dernarbonensischen Provinz über die Cevennen zu den Grenzen des Gebietesder Arverner und seine Beise von dort zu den Lingonen, wo er seineTruppen in Flanke und Bücken des Vercingetorix concentrirte; 2) seinZug vpn Agendicum nach Vellaunodunum, Genabum, Noviodunum undAvaricum, das er belagerte und eroberte; 3) sein Marsch von dort längsdes Elaver nach Gergovia, das er belagerte, und nach Aufhebung derBelagerung zurück über den Elaver und den Liger in das Land derAeduer und Senonen und nach Agendicum, bei welcher Stadt er sich mitLabienus vereinigte; 4) sein Zug durchs Lingonische in das Gebiet derSequaner behufs Annäherung an die narbonensische Provinz, und nachBesiegung des Vercingetorix, der ihm den Weg verlegt hatte und nachAlesia zurückging, sein Marsch zu dieser Stadt, die er belagert, ein-nimmt, und damit dem Feldzuge und, man kann sagen, dem ganzenKriege in Gallien ein Ende macht. Diese vier Züge und die Operationenwährend derselben sind alle gleichermassen bemerkenswerth durch diehohe Kunst ihrer Entwürfe wie ihrer Ausführung.
Vercingetorix war in diesem Jahre ein würdiger Gegner Cäsar's undentwickelte bedeutende kriegerische Gaben, vereint mit den Eigen-schaften eines tapfern Kriegers und eines geschickten Feldherrn. Be-sonders bemerkenswerth ist sein Plan, dem Kampfe im Felde mit Cäsarauszuweichen und die römische Armee durch Hunger zu besiegen, indemer das Land verwüstete. Dann aber macht er einen wesentlichen Fehler,indem er von diesem Plan abweicht und sich in offnen Kampf mit Cäsareinlässt und, in diesem besiegt, sich in Alesia belagern und schliesslichgefangen nehmen lässt. Die Gallier entfalten in diesem Jahre eineausserordentliche Macht, indem sie über 300,000 Mann gegen die 60,000Römer ins Feld stellen; dann aber, bei all ihrer moralischen Erregung