36. Kriege und Feldzüge Julius Cäsar's (58—45 v. Chr.). 21
den Lingonen eleu Befehl gescliickt, dass sie den Helvcticrn weder Hiill's-truppen, noch Geld, noch Lebensmittel, noch irgend Etwas liefern sollten,und ihnen gedroht, dass im entgegengesetzten Falle er mit ihnen ganzebenso wie mit den Helvetiern verfahren werde. Nach Verlauf dieserdrei Tage brach er mit seiner ganzen Armee in Geschwindmärschen zurVerfolgung der Helvetier auf. Die Lingonen hatten ihm gehorcht, und dieHelvetier, vom Hunger aufs Aeusserste getrieben, schickten Gesandte zuCäsar mit der Erklärung ihrer Unterwerfung und der Bitte um Frieden.Cäsar forderte, dass sie Geiseln stellen, ihre Waffen und die zu ihnenübergelaufenen Sklaven ausliefern sollten. Während dies ausgeführtwurde, brach die Nacht herein, und 6000 Urbigenier") verliessen heim-lich das Lager und wandten sich zum Rhein und nach Germanien. AlsCäsar dies erfuhr, Hess er sofort an die Bewohner der Länder, durchwelche die Urbigenier passiren mussten, den Befehl abgehn sie aufzu-halten und zu ihm zurückzuführen. Und so gross war der moralischeEindruck seines Sieges über die Helvetier, dass sein Befehl pünktlichausgeführt wurde. Mit den Urbigcniern wurde, sagt Cäsar, wie mitFeinden verfahren, was besagen will, dass sie niedergemachtwurden, — eine Cäsar's unwürdige Grausamkeit! Den übrigen Helvetierngegenüber zeigte er dagegen die äusserste Grossmuth und befolgte einesehr weise Politik: nachdem sie Geiseln, Waffen und Ueberläufer abge-liefert hatten, begnadigte er sie, hiess sie nach Helvetien zurückkehrenund die von ihnen niedergebrannten Städte und Dörfer wieder aufbauen;zugleich befahl er den Allobrogern sie bis nach Helvetien hin mit Pro-viant zu versorgen. 5 "") Den tapfern Bojern erlaubte er, auf Bitten derAeduer, sich im Lande dieser Letzteren niederzulassen.
Turpin de Crisse's Ansicht, zwei Fehler: 1) indem er zwei Legionen und die Hülfs-truppen ohne allen Nutzen auf dem Gipfel des Berges zuriickliess, — und 2; da er,fortgerissen von der Verfolgung der Helvetier von einein Berge zum andern, nichtseine rechte Flanke und seinen Eiicken deckte, umgangen und umfasst wurde undin die äusserste Gefahr kam, besiegt zu werden.
*) Die Einen meinen, dass die Urbigenier um die Stadt Urba (heute ürbeim Canton Waadtland) gewohnt haben, Andere um Bern; ihr eigentlicher undwirklicher Wohnsitz ist nicht genau bekannt.
**) Cäsar sagt, dass nach der Schlacht bei Bibracte im Lager der Helvetier Ta-feln gefunden wurden, weichein griechischen Buchstaben geschriebenenamentliche Verzeichnisse aller aus Helvetien ausgezogeneu Helvetier ent-hielten, und dass nach dieser Liste es im Ganzen 3US,0UU Männer, Weiber undKinder gewesen seien, von denen 92,000 waffenfähige MänneK Nach der auf Cäsar'sBefehl veranstalteten Zählung kehrten nur 110,000 Seelen nach Helvetien zurück.Indessen darf daraus nicht gefolgert werden, sagt Napoleon L, dass in Gallien258,000 Helvetier umgekommen seien: eine grosse Anzahl derselben zer-streute sich und Hess sich theils in Gallien nieder, oder kehrte grösstcntheils späternach Helvetien zurück.