Druckschrift 
1 (1924) Das Leben
Entstehung
Seite
569
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BETRACHTUNGEN ÜBER DEN PS. MISERERE 56g

Niedertracht, und gar noch mit Einwilligung der Signorie, imSchilde führten, und stellte ihnen vor, eine solche Handlungsweisewürde der Signorie, der ganzen Stadt wie namentlich ihnen selbstnur zur Schande gereichen. Als Manetti auf seinem Vorhaben gleich-wohl bestand, bat der Frate, er möge es dann wenigstens ohneZeugen und mit möglichster Ehrbarkeit ausführen, worauf Ma-netti seinen Begleiter sowie den Wärter hinausschickte, und dieUntersuchung beim Schein einer Kerze mit der rechten Hand vor-nahm 5 . Wie diese Schmach, so ertrug der Frate auch sonst alles,was ihm an Mißhandlungen und Kränkungen zugefügt wurde, miteiner Geduld, die selbst den ihm ursprünglich keineswegs wohlge-sinnten Wärter besiegte. „Befleißiget euch eines tugendhaftenWandels!", sprach er ihm immer wieder zu. Es stand nicht langean, und der rauhe Mann bekehrte sich wirklich; der Frate schriebihm auf seine Bitte eine Lebensregel 6 auf und gab ihm auch eini-ges Schriftliche für seine Tochter, die manchmal zu ihrem Vaterins Gefängnis kam. Diese Lebensregel, deren Niederschrift seinemdurch die Folter zerschundenen Arme die größte Mühe verur-sachte, stellte einen kurzen Abriß seiner ganzen Predigt dar undmahnte eindringlich zur „semplicitä", zur häufigen Gewissenser-forschung, fleißigen Betrachtung der Vergänglichkeit der irdischenDinge, öfterem Empfange der heiligen Sakramente und Beharrlich-keit im Guten bis zum Ende. „Befleißiget euch eines tugendhaftenWandels, wiederholte er unermüdlich, Gott wird dich für dieMühe, die du jetzt duldest, im Paradiese belohnen, wo wir unswiedersehen werden 7 ."

Nie kommt das tiefste und echteste Wesen des Menschen treuerzum Ausdrucke, nie offenbart sich sein wahrer Wert oder Unwertdeutlicher als in den schweren Stunden der Einsamkeit und derSchmerzen, wenn die Tage nicht enden wollen, die Nächte so langedauern, die Vergangenheit mit längst versunkenen Gestalten ausdem Grabe taucht, die Gegenwart von keinem Sonnenstrahle mehrerhellt ist und die Zukunft trostlos vor ihm liegt. Auch beim Fratekam nun zum Vorscheine, was an ihm war. Er blieb sich selbsttreu in Freud und Not und bewährte sich als das, was er Zeit-lebens war, als Gottesmann. Gott und die Seele waren im Kerkerwie im Kloster seine einzigen Gedanken. Kein Hader mit der Welt,keine Klagen, keine Vorwürfe wider Freund oder Feind. Mit sichselbst ging er ins Gericht, nicht mit anderen. Im Angesichte dessen.