564 DIE PROZESSE UND DIE GESTÄNDNISSE
den Frate durch seine Schmähschrift 118 wettzumachen, woriner den „Erzheuchler" des Strebens nicht bloß nach dem Papst-tume, sondern nach der Weltherrschaft zieh und für den un-geheuren Schaden des französischen Bündnisses sowie der Zwie-tracht unter den Bürgern verantwortlich machte, der durch dievon ihm bewirkten Zurückerstattungen wucherischer Zinsen,durch die fleißigen Fasten, durch die strenge Keuschheit so vielerjunger Leute beiderlei Geschlechtes sowie das heilige Leben derMönche von S. Marco nicht ausgeglichen werde. Marsilio Ficino,der einst das Lob des Frate in so hellen Tönen gesungen hatte,spritzte sein Gift in einer „Verteidigungsschrift für die vielen vomAntichristen und größten aller Heuchler verführten Florentiner"aus 119 . Es sei, schrieb er, kein Wunder, daß so viele gescheiteLeute Jahre lang seiner außerordentlichen Verführungskunst er-legen seien, denn kein gewöhnlicher Sterblicher, sondern ein ver-schlagener Dämon, ja ein ganzer Haufen von Dämonen sei in ihmam Werke gewesen. Eine unvergleichliche Schlauheit, eine hart-näckige Verstellung, ein großer Geist, eine grimmige Frechheit,eine eitle Prahlerei, ein teuflischer Hochmut, eine schamlose Ver-logenheit — alles habe zusammengeholfen, um die Hörer mitunwiderstehlicher Gewalt fortzureißen. „Die Astrologen und Pla-toniker", fuhr Marsilius fort, „schlössen zwar aus verschiedenenAnzeichen, er sei von gottlosen Dämonen beherrscht, und auchich selbst kam, wenn ich mich auch eine Zeitlang täuschen ließ,doch bald zur Besinnung und warnte in den letzten drei Jahrenviele meiner Bekannten offen wie insgeheim, sich vor diesemScheusal in acht zu nehmen, das zum Unglück unseres Volkesgeboren ward und ihm so unberechenbaren Schaden verursachte.Gott sei Dank, daß wir durch die Umsicht des Papstes wie derKardinäle, mit Hilfe des heiligen Franz, des hiesigen Domkapitelswie hervorragender Bürger, ganz besonders eines Johann Ca-nacci 120 , von dieser Pest befreit wurden!"
Gleichwohl hatte der Frate auch jetzt noch immer einen be-trächtlichen Anhang, selbst in Rom fehlte es ihm nicht an vielenFreunden, die ihn eifrig verteidigten 121 . Um so mehr lag demPapste daran, seine Auslieferung durchzusetzen. Doch gab er,sobald er sich überzeugt hatte, daß der Tod des Frate in Florenzbeschlossene Sache sei, Bonsi seine Bereitwilligkeit zu erkennen,dem Wunsche der Signorie zu willfahren und zur Aburteilung