DOMINIKUS VON PESCIA 55g
leicht hatte er den Frate schon in Bologna kennengelernt; wo undwann dies aber auch geschah — mit ihm war ihm sein Verhäng-nis genaht. Mit unwiderstehlicher Gewalt fühlte er sich von ihmhingerissen. In ihm ging er vollständig auf, in ihm lebte undwebte er, in ihm verehrte und liebte er mit der schwärmerischenGlut seines Herzens seinen Vater, seinen Freund, seinen Oberen,seinen Lehrer, seinen Abgott, sein Alles. Drei Dinge, gestand er 87 ,seien ihm auf Erden besonders ins Herz gewachsen: das heiligsteAltarsakrament, die Heilige Schrift und Hieronymus. Es war ihmvollkommen ernst, wenn er sich mehr als einmal erbot, für ihnins Feuer zu gehen oder zum Erweise der Wahrheit seiner PredigtTote aufzuwecken 98 . Eine kindliche, einfältige Seele" von berge- [versetzender Glaubenskraft war er fast mehr in der Welt derEngel, Dämonen und Wunder als der irdischen Menschen zuHause. Er betrachtete es als beklagenswerte Blindheit der Kircheseiner Zeit, daß ihre Diener zwischen Licht und Finsternis, zwi-schen einem Narren und einem Besessenen, zwischen dem Trägereines heiligen und dem eines dämonischen Geistes nicht zu unter-scheiden vermochten, und wäre am liebsten auch selbst der Sitzeines guten Geistes gewesen 100 . Da er Prior von S. Dominikus zuFiesole war und daher nur von Zeit zu Zeit nach S. Marco kam,wo er dann im Gastzimmerchen schlief, so konnte er nicht immerum seinen Oberen sein, dessen Herzen er, die lebendige Verkörpe-rung der Semplicitä, unter allen Brüdern am nächsten stand. Daherward er denn auch von ihm mit der besonderen Fürsorge für dasbetraut, was dem Frate auf Erden das Teuerste war, die Kinder,denen er, das große Kind, bei dem Entwürfe ihrer Satzungen alsväterlicher Freund und Berater zur Seite stand 101 . War der Fratean der Predigt verhindert, so war Dominikus, vom Volke der„fattoraccio" genannt, sein Vertreter 102 . Ob solcher Bevorzugungward auch er Gegenstand des Neides und der Eifersucht von Seitenmancher Mitbrüder; Robert Ubaldini, der auch ihm nicht gewogenwar, schilderte ihn 103 als einen Mann lauteren Herzens, aberstarren Nackens, der Offenbarungen und Träumen von Frauenund schwachen törichten Köpfen 104 nur zu leicht zugänglich ge-wesen sei. Als der Frate in der Sturmnacht den schweren Gangnach dem Signorenpalaste antreten mußte, schloß sich ihmDominikus, treu bis in den Tod, freudig an. Von den Richternward auch er mit den angeblichen Geständnissen des "Frate im