558 DIE PROZESSE UND DIE GESTÄNDNISSE
zu haben entsinne und die dann gepredigt wurden, erinnere ichmich eines Gesichtes, das ich vor zwei Jahren in der Nacht vorder Signorenwahl nach meiner Rückkehr von Prato hatte, des In-halts, die ganze Luft sei voll guter und böser Geister mit Feuerund Messern in Händen, schließlich aber seien die bösen Geisterentwichen und die guten zurückgeblieben. Dies berichtete ichdann am Morgen dem Dominikus, der es im Signorenpalast pre-digte 29 , als hätte er selbst es geschaut. Den letzten Traum hatteich in der Nacht vor der Feuerprobe. Ich glaubte das Feuer aufdem Signorenplatze zu sehen und Dominikus in roten Gewändernmit der Hostie; das Feuer teilte sich in zwei Hälften, Dominikustrat heraus, man sang das Te Deum, und mit dem Ölzweig schloßman den allgemeinen Frieden." — Was Silvester sonst noch be-kannte, war von geringem Belange. Von politischen Umtrieben,die in S. Marco ihren Herd gehabt hätten, erklärte er nichts zuwissen; auch über besondere Verhandlungen der Frateschenuntereinander vermochte er wesentlich Neues nicht vorzubringen.Sein Urteil über den Frate faßte er in der Erklärung zusammen,dieser sei mindestens 20- bis 25mal kurz vor der Predigt zu ihmin die Zelle gekommen, mit den Worten: ,Ich weiß nicht, was ichpredigen soll. Betet für mich, denn ich fürchte, Gott habe michzur Strafe für eine Sünde verlassen.' „Dann beichtete er mir;gleichwohl hielt er hernach schöne Predigten. Das letztemal ge-schah dies am Samstage vor der letzten Predigt in S. Marco. End-lich sage ich, Bruder Hieronymus hat euch betrogen." Mit diesenWorten schloß Silvester seine Bekenntnisse, die trotz seinerSchwäche im übrigen nichts enthielten, was seiner Ehrlichkeitund Gutgläubigkeit widersprochen hätte 03 .
Ein Mann ganz anderen Schlages war Dominikus Buonvicinivon Pescia. Wann er geboren wurde, aus welchen Verhältnissener stammte, wie er seine Jugend verlebte, wissen wir nicht. AlsKnabe den Studien ergeben, schloß er mit einem gewissen NerottoFreundschaft 04 , der später Weltpriester war und ihm in derschwersten Stunde seines Lebens wieder begegnen sollte. Auchmit dem großen Humanisten Angelo Poliziano, den er in seinerletzten Krankheit öfter besuchte 05 , stand er auf vertrautem Fuße.Am Grabe des heiligen Dominikus zu Bologna hatte er seine Gelübdeabgelegt; gleich dem Frate wurde er vom Ordensgenerale am27. Juni 1493 dem Kloster S. Marco als Sohn einverleibt 06 . Viel-