SILVESTER MARUFFI 557
haften Veranlagung zu erkennen, glaubte er auch an den gött-lichen Ursprung der Prophetie des Frate nie recht 80 ; so vermochteseine Freundschaft die harte Probe des Sturzes nicht zu bestehen.Der Prozeß genügte, ihn an seinem Meister irrezumachen, dieFolter tat das ihrige. Die Signorie hatte es daher gar nicht nötig,seine Aussagen 90 zu fälschen, deren Hauptbedeutung in ihrenwichtigen Angaben über seine Gesichte und das Verhältnis desFrate zu ihnen liegt. „Schon in meiner Jugend", berichtet 01 er, „be-gann ich in der Nacht aufzusagen, was ich untertags gelesen odergehört hatte. Im Kloster steigerte sich dieser Zustand unter demEinflüsse der Ordenszucht und der Studien in dem Maße, daß ichim Schlafe zuweilen die sämtlichen paulinischen Briefe hersagte.In Venedig wiederholte ich einmal im Traume eine ganze Predigtauf Deutsch, die ein deutscher Ordensgenosse gehalten hatte, inGegenwart dieses letzteren sowie vieler anderen Brüder, ebensosehr häufig Vorlesungen, und was ich sonst gehört und gelesenhatte. Dies dauerte auch später noch fort, nur gebrach es diesenWiederholungen in den letzten Jahren an der früheren Sicherheit,seitdem ich mir zu Ader gelassen und acht Pfund Blut verlorenhatte. Als Savonarola 1490 in S. Marco mit der Erklärung dergeheimen Offenbarung und der Verkündigung der zukünftigenDinge begann, war ich darüber höchst ungehalten, ward abervon ihm ermahnt, fleißig zu Gott um Erleuchtung zu beten. Sotat ich denn, und wiederholt kam es mir vor, sei es nun infolgemeiner schon geschilderten Veranlagung, sei es infolge teuflischenTruges, als würde ich von Geistern ob meines Unglaubens zu-rechtgewiesen. Er aber erwiderte mir auf meine Mitteilungen,Gott meine es gewiß gut mit mir; im Gebete habe er ein göttlichesKennzeichen für die Wahrheit der Dinge, er fühle dann nämlichdas Kreuz und den Namen Jesu in sein Herz gegraben. So setzteich ihn häufig von meinen Träumen in Kenntnis, in denen er je-doch keine Träume, sondern Wahrheit zu erkennen versicherte.Um der Verehrung und des großen Vertrauens willen, die ich fürihn hegte, begann ich nun auch seiner prophetischen Predigt zuglauben, obschon mir oft Zweifel aufstiegen; stets beteuerte ermir, ich möge mich auf ihn verlassen, die Dinge stammten vonGott. So schwankte ich bis zum letzten Monate zwischen Glaubenund Zweifel hin und her; jetzt aber halte ich bestimmt dafür, essei alles nur Trug. Unter anderen Träumen, die ich mich erzählt