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1 (1924) Das Leben
Entstehung
Seite
556
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556 * DIE PROZESSE UND DIE GESTÄNDNISSE

kam Silvester nach S. Dominikus zu Venedig, ohne daß wir an-zugeben vermöchten, ob dies vor oder nach seiner Unterweisungdurch den Frate geschah. 1490 predigte er in S. Gemignano,kehrte aber noch im selben Jahre nach S. Marco zurück. Hiertraf er mit seinem früheren Lehrer wieder zusammen, dessen be-sonderes Vertrauen er genoß, obschon er seiner prophetischenPredigt anfangs größten Zweifel entgegenbrachte. Trotz odervielmehr vielleicht gerade wegen seines krankhaften, schlafwand-lerischen Zustandes erfreute er sich hohen Ansehens im Klosterund ganz besonders in den Augen Savonarolas, seines nunmehri-gen Obern, der sich, als er 1492 in Venedig weilte, ihm undDominikus ausdrücklich empfehlen ließ 81 . Je mehr dann derFrate nach dem Sturze der Medici und der Aufrichtung der Volks-herrschaft in der Verehrung der Bürgerschaft stieg, um so mehrnahm auch Silvester an Einfluß zu. Vorzüglich verstand er es,zwischen ihm, dem Fremden, und den Bürgern, die er als gebore-ner Florentiner persönlich kannte, den Mittelsmann zu spielenund sich als solcher beiden Teilen unentbehrlich zu machen, nichtwenig geschmeichelt, daß er, der einfache Schusterssohn, nun-mehr des ständigen Umganges mit den vornehmsten Männern derStadt gewürdigt ward. Den ganzen Tag über war er, sei es inseiner Zelle, sei es in den Wandelgängen des Klosters oder desGartens, von Laien umringt 82 , die sich, wenn sie zum Frate selbstnicht vordringen konnten oder wollten, mit ihm über die schwe-benden öffentlichen Angelegenheiten besprachen; er galt geradezuals der Kanzler des Frate in weltlichen Dingen 83 . Aber auch inreligiösen Dingen war er der Berater der Piagnonen; nicht wenigevon ihnen, besonders die Vornehmen, hatten sich als Beichtkinderseiner Leitung vertraut 84 , auch der Frate selbst beichtete ihm 85 ,wenn Dominikus von Pescia nicht eben zur Hand war, obschoner ihn allmählich als einen unüberlegten, nicht ganz zuverlässigenMenschen durchschaute 86 . Die Bürger hielten ihn für einen ver-schlagenen Fuchsen, der es trefflich verstand, sich als tiefenGeistesmann auszugeben 87 . Da es auch in S. Marco, wie wirschon sahen, an Eifersüchteleien keineswegs fehlte, so warder ob seiner bevorzugten Stellung von seinen Mitbrüdern viel-fach beneidet und angefeindet, namentlich war Robert Ul-badini auf ihn schlecht zu sprechen 88 . Gewohnt, in seineneigenen Gesichten und Träumen den Ausfluß seiner krank-