DER ZWEITE FALSCHE PROZESS * ,555
den, den dritten Teil ihrer Aussteuer, gegeben, eine Aussage, diedurch die Tatsache widerlegt wird, daß die beiden Schwesterndes Frate noch im November desselben Jahres zu Hause bei ihrerMutter lebten 76 . Beobachtungen solcher Art sind geeignet, unsmit größtem Mißtrauen auch gegen den zweiten Prozeß zu er-füllen, der mit Fug als ein einziges Lügengewebe bezeichnetwird". Ein besonders dreistes Stück ist das dem Frate zuge-schriebene Bekenntnis, er habe seine herrschsüchtige Gesinnungnie gebeichtet, obschon er täglich Messe gelesen habe, denn erhätte fürchten müssen, die sakramentale Lossprechung nicht zuerhalten. Aber wenn der Mensch einmal seinen Glauben und seineSeele verloren habe, so könne er tun, was er wolle, und sich andie größten Unternehmungen wagen. Diese angebliche Äußerungwurde dann sofort zu dem Geständnisse aufgebauscht, er habeüberhaupt nie gebeichtet 78 . Gleichwohl mußte der Frate auchdiesen zweiten Prozeß mit seiner Unterschrift decken, wenn er esauch an einer ausdrücklichen Verwahrung keineswegs fehlen ließ.Die Signorie mochte einsehen, daß sie mit dem plumpen Mach-werke nicht auf ihre Rechnung komme, und hütete sich, es durchden Druck verbreiten zu lassen.
Natürlich blieben die beiden Genossen des Frate von den pein-lichen Verhören nicht verschont. Die Untersuchungsrichter such-ten die wirklichen oder erdichteten Geständnisse der Mönchegegeneinander auszuspielen und warteten mit der Vernehmungdes Dominikus und Silvester solange zu. bis sie diese mit den Ent-hüllungen des Frate überrumpeln konnten. Bei Silvester gelangihnen dies nur zu gut; er brach unter der Wucht des ersten Pro-zesses sofort zusammen. Silvester Maruffi, um 1461 zu Florenzals Sohn eines Schusters geboren, war seiner eigenen Angabe ge-mäß mit 14 Jahren in S. Marco eingetreten, wo ein Onkel vonihm namens Hieronymus Maruffi lebte, der 1493 in hohemGreisenalter verschied 79 . Silvester legte am 8. November 1476die Gelübde ab; sein Bruder Zenob Maruffi folgte seinem Bei-spiele, starb aber schon 1496. In den Jahren, während welcherSavonarola, mit dem Unterrichte der jungen Brüder betraut, daserstemal in S. Marco weilte (1482—86), saß auch Silvester zuseinen Füßen 80 . Da S. Marco damals der lombardischen Kongre-gation angehörte, so konnten die Brüder in die verschiedenstenKlöster dieses weit ausgedehnten Verbandes versetzt werden; so