55a DIE PROZESSE UND DIE GESTÄNDNISSE
bisher an ihrem Meister gehangen waren, schlug nun in ein Ge-fühl bitterster Enttäuschung um. In ihrer Fassungslosigkeit wur-den sie ganz an ihm irre und fielen alle von ihm ab 55 . Eine un-bändige Wut bemächtigte sich ihrer, so daß sie den schmach-vollen Beschluß faßten 56 , dem Frate und seinen beiden Leidens-genossen Dominikus und Silvester weder lebend noch tot, wederoffen noch insgeheim im Kloster mehr Aufnahme zu gewähren.Wie Schuppen fiel es ihnen nunmehr vom Angesichte, daß siesich im größten Irrtume befunden hatten, als sie aus frevelhafterRücksicht auf den Frate die Gebote und Strafen des Papstes undihres Generals mißachteten. Da sie sich nun nicht bloß von demBanne betroffen fühlten, der vom Heiligen Stuhle und vom Or-densmeister wegen ihres Nichteintrittes in die römische Kongre-gation verhängt worden war, sondern auch von der Zensur, mitder'alle bedroht waren, die seit seiner Ausstoßung aus der Kirchemit ihm verkehrten oder seiner Predigt anwohnten, so enthieltensie sich nunmehr aller heiligen Handlungen und baten den Heili-gen Vater in einem de- und wehmütigen Schreiben 57 ob ihres Un-gehorsams inständig um Verzeihung. Feierlich sagten sie sichvon ihrem bisherigen Oberen los, von dem sie unter dem trügeri-schen Scheine der Frömmigkeit so schmählich getäuscht wordenseien. Aber so groß sei eben seine Gelehrsamkeit, so heilig schein-bar sein Wandel, so offenkundig die von ihm bewirkte Sitten-besserung, so auffällig die Erfüllung verschiedener, menschlichenScharfsinn weit übersteigender Voraussagungen gewesen, daß sie.wenn er seine göttliche Sendung nicht selbst mit eigenem Mundewiderrufen hätte, niemals im geringsten daran gezweifelt hätten,allzeit bereit, auf einen Wink von ihm ins Feuer zu gehen. Dochmöge der Heilige Vater davon Abstand nehmen, sie in andereKlöster 58 zu zerstreuen, und auch den Brüdern, die sich ohne Er-laubnis ihrer Oberen nach S. Marco geflüchtet hatten, den ferne-ren Aufenthalt daselbst gestatten. Um die Sache des Klosters an-gelegentlicher, als es in einem Schreiben möglich war, zu be-treiben, und um namentlich die Befugnis zur Wiederaufnahmedes Gottesdienstes in der durch das Blutvergießen anläßlich desSturmes auf S. Marco entweihten Kirche sowie die Lossprechungvon den verwirkten Strafen zu erlangen, begaben sich der No-vizenmeister Johannes Sinibaldi sowie Lorenz von Uzzano imNamen und Auftrage ihrer Mitbrüder nach Rom 59 . Um Gnade