ABFALL DER MÖNCHE VON S. MARCO 55 r
einen Propheten hielten, und der nun bekannte, er sei kein Pro-phet und habe die Dinge, die er predigte, nicht von Gott; auchbekannte er, daß sich im Verlaufe seiner Weissagungen in vielenFällen das Gegenteil von dem ereignete, was er uns zu verstehengegeben hatte. Und ich hörte der Verlesung solchen Prozessesselbst zu, weshalb ich staunte und voller Bestürzung und Ver-wunderung war. Und Schmerz empfand meine Seele, da ich sah,wie ein so stolzes Gebäude in Trümmer sank, da es auf demmorschen Grunde einer einzigen Lüge errichtet war. Ich erwar-tete, in Florenz erstehe ein neues Jerusalem, von dem die Nor-men und das leuchtende Vorbild eines frommen Lebens ihrenAusgang nähmen, und ich wähnte, die Erneuerung der Kirche,die Rekehrung der Ungläubigen und den Trost der Frommen zuschauen. Und nun vernahm ich das Gegenteil und schluckte dieArznei unverweilt hinunter. In deinem Willen, o Herr, ruht alles".Gleichwohl fehlte es nicht an Frateschen, die sich durch die an-geblichen Bekenntnisse in ihrem Glauben an den Frate nicht irre-machen ließen, eingedenk seiner früheren Mahnung 53 , er werdegleich den alten Propheten niemals etwas zurücknehmen odereinen Widerruf leisten, man dürfte ihm auch nicht glauben, fallser es je täte, ja, wenn selbst ein Engel vom Himmel es verkündete.Doch schlössen sich allerdings viele andere den Gegnern an, dieauf die Kunde von seinen Missetaten den grimmigsten Haß widerihn und seine Mitschuldigen faßten, hauptsächlich um des un-ersetzlichen Schadens willen, den sie durch ihn und seinen An-hang erlitten hatten 54 .
Geradezu niederschmetternd war aber die Wirkung, welche derProzess auf die Mönche von S. Marco ausübte. Von der Art seinesZustandekommens hatten sie keine Ahnung; daß, nicht inwie-weit der Frate unterschrieben hatte, gab für sie den Ausschlag.Als sie aus dem Munde der sechs Brüder, die der Verlesung an-gewohnt hatten, das Unglaubliche vernahmen, gerieten sie vorBestürzung ganz außer sich. Das lähmende Entsetzen, das sichihrer bemächtigte, zittert noch jetzt in den Worten nach, mitdenen der Chronist des traurigen Vorfalls gedenkt „Wer hättees", schrieb er, „je für möglich gehalten, daß Lüge und falscheProphetie bei ihm auch nur in Frage kommen könnten, den sieso viele Jahre hindurch nicht einmal auf einer läßlichen Sündebetreten hatten!" Die überschwängliche Begeisterung, mit der sie