546 DIE PROZESSE UND DIE GESTÄNDNISSE
Frate, er habe keine Offenbarung gehabt, noch auf besondereWeise mit Gott gesprochen. Nach dem Protokoll jedoch, das Violiselbst einsah und mit dem Prozesse verglich, erklärte er im Verhör>*w a>^ \ vom ji_ April ausdrücklich; er habe mit ihm, der die Gestalt einesEngels vom Aussehen eines etwa fünfzehnjährigen Jünglings inroter oder weißer Gewandung hatte, geredet 20 . Dem Prozesse zu-folge gab der Frate zu, sein Sinnen sei nur auf Weltruhm gerichtetgewesen 21 . Nach dem Protokoll dagegen beteuerte er im peinlichenVerhör die Ehrlichkeit seiner Absicht, unter Berufung auf dasWort Gamaliels in der Apostelgeschichte (5, 38), wenn sein WerkP von Gott sei, so werde es Bestand haben, sei es aber von den Men-
sehen, so werde es von selbst zusammenbrechen — eine Äußerung,die sich im Prozesse überhaupt nicht findet 22 . Dem Prozesse zufolgebekannte der Frate, den Ausgang der Feuerprobe zuvor nicht ge-kannt zu haben 23 . Hingegen gab er nach dem Protokolle am11. April auf die Frage, ob er wirklich in der Absicht, die Probezu bestehen, auf dem Signorenplatze erschienen sei, zur Antwort,daß er ja sonst überhaupt nicht erschienen wäre, und versicherteam 12. April, vom siegreichen Ausgange des Ordals durch göttlicheOffenbarung unterrichtet gewesen zu sein 24 . Daß die Untersuchung. in Wirklichkeit keine Schuld des Frate ergab und dieser auchkeine bekannt hatte, das steht endlich auf Grund des Zeugnisseseines Mannes wie Doffo Spini fest, der in den Gang der Untersu-chung wie sonst nicht leicht jemand eingeweiht war. In der Werk-stätte des berühmten Malers Sandro Botticelli gab er diesem am2. November 1499'auf die Frage, welche Verbrechen man dennam Frate gefunden habe, daß ihm ein so schmählicher Tod be-reitet ward, zur Antwort: „Sandro, soll ich dir die Wahrheit ge-stehen? Niemals fanden wir an ihm auch nur eineläßliche Sünde, geschweige denn eine schwer e."Als dann der Künstler erwiderte: „Warum brachtet ihr ihn dann
so schmachvoll ums Leben?", entgegnete er: „Daran war nicht ich,> <r> <^i «jf'/ •
sondern Benozzo Federighi schuld. Hätten wir den Propheten
und seine Genossen nicht umgebracht, sondern nach S. Marco
zurückgeschickt, so hätte das Volk 25 unsere Häuser gestürmt und
uns alle in Stücke gehauen. Die Sache war schon zu weit gediehen,
so daß wir zu unserer Rettung ihren Tod beschlossen." Von dieser
Unterredung setzte Sandro noch am selben Tage seinen Bruder
Simon Filipepi in Kenntnis, der sie noch am gleichen Abend auf-