STANDHAFTIGKEIT DES FRATE 537
den und nach dessen Hinscheiden von Lorenz Violi eingesehen undmit dem später angefertigten sog. „Prozesse" verglichen werdenkonnten 90 , während allerdings die persönlichen Aufzeichnungen,die der Frate seinen Richtern übergab, sorgfältig verheimlichtwurden 07 . Auf die Nachricht von der Folterung des Frate wein-ten seine Verehrer und sandten heiße Gebete für ihn zum Him-mel 93 . Nach wie vor hielten sie, obschon sich das Gerücht ver-breitet hatte, er habe alles gestanden und die schwersten Ver-brechen begangen", treu an ihm fest und ließen nicht ab, S. Marcozu besuchen, so daß sich die Signorie gezwungen sah, Männernwie Frauen solche Besuche zu verbieten 100 . „Es war überhaupt",bemerkt ein Zeitgenosse voll Verwunderung 101 , „staunenswert,welche Gewalt dieser Frate auf die zarten Gemüter ausübte. Ließensich doch eben jetzt viele Laien in S. Marco das Ordenskleidreichen, darunter allerdings manche, die dies nicht so sehr ausinnerer Neigung als vielmehr aus Furcht taten, weil sie nämlich(bei der Verteidigung S. Marcos) Gegner verwundet oder getötethatten 102 . Ja es schien, als nähme ihr Eifer mit ihrer Verfolgungnur immer noch zu." Die Nachricht von den Geständnissen undentsetzlichen Missetaten des Frate entpuppte sich bald genug alsErfindung. Die Gegner selbst gaben zu 103 , daß er trotz harter Fol-ter standhaft blieb und nichts herausließ, sondern den Schergen ^ of y>ru-*^ganz herzhafte und dreiste Antworten gab, indem er erklärte, er A L riwisse, dies werde ihm den Kopf noch nicht kosten 104 , seine Predigt (stamme vom Heiligen Geist und gehe ganz gewiß in Erfüllung,seinen Gegnern aber sei ein schlimmeres Los als ihm selbst be-schieden. „Ob ich", gab der Frate am Mittwoch, 11. April, seinenSchergen auf die Frage nach dem Ursprünge seiner Voraussagun-gen, woran ihnen sichtlich außerordentlich viel gelegen war, mann-haft zur Antwort 105 , „ein Prophet bin oder nicht, das geht euchüberhaupt nichts an, das wird Gott an den Tag bringen, anderePropheten waren in noch- schlimmerer Lage als ich. Niemandensteht ein Urteil über die innere Absicht seines Nebenmenschen zu,sondern lediglich über seine äußere Tat. Beantworte ich euereFrage, ob ich ein Prophet bin, mit ja, so glaubt ihr mir ja dochnicht; sage ich aber nein, so lüge ich." Als man ihm aber amnächsten Tage neuerdings zusetzte, erwiderte er 108 : „Da ich dazugezwungen bin, so gestehe ich, daß Gott mit mir sprach, wie ichmit euch, und er fügte bei, er schaue ihn mit seinem innern Auge