DER KAMPF UM DAS KLOSTER 629
allgemein auffiel; er hatte die Kanzel bestiegen und gab mit demRufe Feuer: „Errette dein Volk, o Herr, und segne dein Erbe 35 ."Regen Eifer entfaltete auch der Schwiegersohn des römischen Ge-sandten Dominikus Bonsi, Franz del Pugliese, der wie ein Stierschnaubte 36 . Der Ausdauer der Verteidiger, die nur mit wenigenGewehren versehen und jedenfalls ohne Geschütze waren 37 , ver-mochten selbst die Gegner ihre Anerkennung nicht zu versagen 38 .Auf beiden Seiten gab es Tote und Verwundete 39 ; zu diesen zählteJacob de' Nerli, der weniger durch die Schuld der Feinde alsdurch die Ungeschicklichkeit seiner eigenen Leute ein Auge ver-lor 40 . Das Stöhnen der Verletzten verhallte im sinnbetäubendenLärm der Massen, die den Platz vor dem Kloster und die benach-barten Straßen füllten, im Dröhnen der Kommandorufe der Füh-rer, in den wilden Flüchen der wieder und wieder vergeblich an-rennenden Stürmer, im Geprassel der aufschlagenden Geschosseund Ziegelsteine, sowie im verzweifelten Wimmern der „Piagno-na", der größten Glocke S. Marcos, die nicht abließ, die Getreuenzum Schutze und Beistande anzufeuern. Im trüben Lichte schwe-lender Pechfackeln erschienen die dunkeln Gestalten der Angreiferwie Ausgeburten der Unterwelt; es war eine grauenvolle Nacht.Mitten im höllischen Getöse der Belagerung lag der Frate mit sei-nen Brüdern im Chore der Kirche vor dem Allerheiligsten auf denKnien, Psalmen und Litaneien singend und jeden Augenblick desMartyriums gewärtig. „Salvum fac populum tuum, Domine", fleh-ten sie inbrünstig 41 , „et benedic hereditati tuae" (Psalm 27, 9).„Jetzt werden wir in den Himmel eingehen und unsere liebe himm-lische Mutter sehen", sprachen die Novizen 42 . Einige von den Jüng-lingen weinten; Franz del Pugliese tröstete sie mit dem Hinweiseauf das selige Hochzeitsmahl, an dem sie nunmehr teilnehmenwürden 43 . Als der Aufenthalt in der Kirche infolge des dichten,durch die brennenden Tore verursachten Rauches unerträglich zuwerden begann, zog sich der Frate mit dem heiligen Sakramentsamt den Brüdern in den Novizenschlafsaal zurück; unterwegs trafer den Bruder Benedikt an, wie er in voller Rüstung soeben imKampfe stand, und gebot ihm strenge, die Waffen abzulegen unddafür zum Kreuz zu greifen, denn ein Ordensmann dürfe nur mitgeistigen Waffen streiten 44 . Indes neigte sich der ungleiche Kampfbereits seinem Ende zu. Sechs Stunden lang hatten die Verteidigereiner überwältigenden Mehrheit von Feinden todesmutig stand-
34 Schnitzer, Savonarola