DAS GOTTESURTEIL
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bereits so vielem Wunder gesehen hast, daß du keines anderenWunders bedarfst 58 ." Nicht als ob er selbst wundersüchtig ge-wesen wäre. Der unaufhörlichen Einrede seiner Gegner, er könneprophetische Berufung nicht beanspruchen, da er die vom kirch-lichen Rechte geforderte 59 wunderbare Bestätigung seiner gött-lichen Sendung nicht nachzuweisen vermöge, steuerte er immerwieder mit der Erklärung, daß nicht Wunder, sondern nur Recht-schaffenheit des Lebens zum Glauben führen. „Wo die Vernunftausreicht," sagte er, „bedarf es keines Wunders. Ist denn daskein Wunder, daß ganz Italien gegen meine Lehre aufsteht unddiese gleichwohl vorangeht? Die Heilige Schrift lehrt, daß dieheiligen Männer, wo sie mit den rein natürlichen Mitteln mensch-licher Weisheit auszukommen vermochten, keine Wunder heisch-ten 00 ." Allein die Zeit lebte und schwebte nun einmal in der Luftdes Wunders, und der Frate selbst hatte es zu oft und sicher inAussicht gestellt, als daß er es jetzt, da es in greifbare Nähe zurücken schien, hätte zurückweisen können. Wenn die Arrabbiatenund ihre Freunde, von humanistischer Zweifelssucht angesteckt,mit dem Wunder mehr spielten als rechneten, so waren die Piagno-nen Feuer und Flamme dafür. Sie verehrten ja doch den Frate alseinen Heiligen, und von einem Heiligen wußte man, daß er Wun-der verrichten konnte, wenn er wollte und mußte. Und gar einSchwärmer wie Dominikus von Pescia konnte dem berauschen-den Gedanken am allerwenigsten widerstehen, dem Wunder denWeg zu bahnen und hierdurch den Sieg der guten Sache des vonihm angebeteten Meisters herbeizuführen. Schon 1493 hatte ersich in Rom anläßlich der Abtrennung S. Marcos von der Lom-bardei zur Auferweckung eines Toten erboten, um so den Beweisder Gottgefälligkeit jenes Werkes zu erbringen 61 . Zwei Jahre spä-ter hatte er sich zur Feuerprobe bereit erklärt 62 , und Gregor vonPerugia hatte sich im folgenden Jahre zu einem ähnlichen Vor-schlage verstiegen 63 . Ja, noch war kein Jahr verstrichen, seitdemFranz von Apulien, als er 1497 zu Prato in der Kirche seines Or-dens die Fastenpredigten hielt, das öffentliche Angebot machte,zum Beweise der Wahrheit der von ihm gegen den Frate vorge-brachten Beschuldigungen die Feuerprobe zu bestehen; kaumhatte er aber gehört, daß Dominikus von Pescia, der zur gleichenZeit in S. Dominikus predigte, seine Herausforderung anzunehmenwillens sei, als er eiligst die* Flucht ergriff 64 . Waren nun jene
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