DIE LETZTE PREDIGT IM DOME 487
ihnen nach Rom, der Sohn des Verderbens halte keine Lustbubenund keine Kebsen, sondern obliege der Predigt des christlichenGlaubens. Ihr seid viel zu rücksichtsvoll in euren Antworten.Laßt mich einmal schreiben, ich will ihnen entgegnen, daß ihnen .die Ohren klingen. Es ist Zeit, den Schrank zu öffnen und denSchlüssel umzudrehen; es wird ein Gestank aufsteigen aus derStadt Rom, der die ganze Christenheit verpesten wird. Und was jich zu sagen habe, das will ich mit Vernunftgründen und mit demKirchenrechte wie mit übernatürlichen Zeichen beweisen, habt'keine Angst! Da wir aber Nachfolger Christi sein wollen, derdem Zorne (der Pharisäer) wich, so wollen auch wir es so machen,und so gebe ich euch kund, daß ich von nun an nicht mehr aufdieser Kanzel predigen werde, es sei denn, es rufen mich solchezurück, die Liebhaber eines frommen Lebens sind. Ich werdedafür in S. Marco predigen, und zwar nur für Männer, nicht fürFrauen, denn so verlangen es die Verhältnisse 01 ."
So sprach er denn vom 2. März an in S. Marco zumVolke, das ihm massenhaft folgte, an seiner Spitze derferraresische Gesandte Manfredi, sodann die Zehn, die Acht,die Beamten des Leihhauses, kurz die höchsten Behördender Stadt mit Ausnahme der Signorie 02 . Daß er trotzseiner äußeren Nachgiebigkeit sachlich von einem Rück-zuge entfernter denn je war, davon konnten sich seine Hörer Tagfür Tag überzeugen. Er bezeichnete das päpstliche Verbot desBesuchs seiner Predigten als den bösen Befehl eines Pharao, demgegenüber man zu Christus, dem wahren Papste, seine Zufluchtnehmen müsse 03 . Er brachte die Sprache auf die schlechtenPäpste der Vergangenheit, wie Bonifaz VIII. einer war, der aufEingebung des Teufels hin den Dominikanerorden dadurch zuverwüsten gedachte, daß er ihm die Gier nach hohen kirchlichenWürden einimpfte 94 , während ein anderer Papst den Orden zumFleischessen zwingen wollte 95 . Er machte seine Zuhörer daraufnachdrücklich aufmerksam, daß es sich bei den über ihn verhäng-ten Strafen in Wirklichkeit nur um sie selbst handle. „Weißt du,was es heißen will, wenn man immer nur ruft: Interdikt, Interdikt,Interdikt? Das will sagen: Tyrann, Tyrann, Tyrann. Wehe dirFlorenz, wenn es dahin kommt, wehe, wehe dir dann! Weißt du,was es heißen will, den Frate vertreiben? Wen sonst will manvertreiben, als dich und dich und dich, und diesen und jenen und