486 DIE PREDIGTEN ÜBER EXODUS
bung der Machtverhältnisse eingetreten war. Weite Kreise desVolkes erblickten nun einmal in der Wiederaufnahme der Predigteinen schweren politischen Fehler, den sie gutgemacht wissenwollten; und so kam für die Monate März und April eine Signorieans Ruder, die zu zwei Dritteln aus Arrabbiaten bestand und inPeter Popoleschi einen ausgesprochenen Gegner des Frate zumBannerherrn hatte. Zwar gehörte ihr in Lanfredin Lanfrediniauch ein eifriger Fratesche an, der aber einer so starken Mehr-heit gegenüber um so weniger aufzukommen vermochte, als demBannerherrn der den Nerli zugesohworene Chimenli Scerpeilonitreu zur Seite stand 86 . Für den Augenblick freilich vermochtedie neue Signorie ihre Macht noch nicht zu entfalten. Die Piagno-nen stellten die Zehn wie die Acht und hielten den Signoren damitdas Gleichgewicht. Nach wie vor besuchten sie die Predigt desFrate, maßen den neuen Breven geringe Bedeutung bei und küm-merten sich um die römischen Verbote und Drohungen nicht imgeringsten 87 . Am allerwenigsten dachten sie daran, die vom Papstegeforderte Auslieferung des Frate nach Rom zu bewilligen. Siewußten sehr wohl, welches Los diesen in der ewigen Stadt er-wartete, mochte ihm der Heilige Vater noch so sehr volle Sicher-heit in Aussicht stellen. Eben jetzt schrieb Michelangelo Buonar-roti aus Rom an seinen Bruder 88 , der Seraphiker möge doch janach Rom kommen, um auch da ein bißchen zu prophezeien; erwerde dann heilig gesprochen werden, und so wären all die Seini-gen befriedigt. Der große Künstler wollte mit seiner sarkastischenBemerkung sagen, der Prophet würde in der ewigen Stadt demMartertode verfallen und dann kanonisiert werden — eine Aus-zeichnung, die seine Anhänger ebenso sicher befriedigen würdewie seine nach seinem Tode lechzenden Gegner. In Florenz ver-stand man die in den vorsichtig gewählten Worten Michelangelosversteckte Warnung, die wohl auch dem Frate selbst nicht ver-borgen blieb. Dieser setzte seine Predigten unerschrocken fort,trug den Verhältnissen aber immerhin insofern einige Rechnung,als er die Domkanzel nicht so fast aus Rücksicht auf die päpst-lichen Drohungen als vielmehr im Bestreben, die Gegner nichtaufs äußerste zu reizen, freiwillig räumte 89 . Am 1. März erklärteer seinen Hörern, daß er nunmehr das letztemal von dieser Stätteaus zu ihnen spreche. „Das Breve", rief er ihnen bei dieser Gele-genheit zu 90 , „nennt mich einen Sohn des Verderbens. Schreibe