DER TRIUMPHWAGEN 465
lichkeit, die sich als göttlich in ihrer wunderbaren Macht bewährt; ;man braucht sie nur in ihrer ganzen Schönheit, Heiligkeit, Frucht-barkeit und Fülle zu erfassen, um sich von ihrem göttlichen Ur-sprünge zu überzeugen. So braucht der Frate zu seiner Apolo-getik keine Bücher; die wahren Bücher, für jedermann leicht zulesen und zu begreifen, sind ihm die wahren Christen. Es sindherrliche Abschnitte, in welchen er die Wahrheit des Glaubensaus dem innersten Seelenleben der Kirche erschließt; durch diese //«. e-t^ >Innerlichkeit mutet er uns zuweilen ganz neuzeitlich an 8 ". Alsdie Haupttugend eines guten Christen bezeichnet er seinen reinenGlauben und seine Liebe zum Gekreuzigten, denn mit seinemGlauben und seiner Liebe wächst seine Macht über die Menschenund damit seine Gewalt, sie zu bekehren — eine Bemerkung, dieganz besonders auf ihn selbst zutrifft; denn nicht so fast sein flam-mendes Wort wie vielmehr sein heiliges Leben bekehrte die Sün-der 90 . Im allgemeinen bedient er sich bei seinen Ausführungeneiner knappen, trockenen Sprache. Warm wird er nur immerdann, wenn er von Jesus spricht, und zur Höhe prophetisch-dichterischen Schwunges erhebt er sich in der berühmten Schil-derung des Triumphwagens, auf dem der Erlöser thront mit derDornenkrone und den Wundmalen, die Heilige Schrift in derRechten, das Kreuz und die Leidenswerkzeuge in der Linken,Kelch und Hostie, Wein und Wasser und sonstiges sakramentalesZubehör zu seinen Füßen, unter ihm Maria, die seligste Jung-frau. Der Wagen wird von den Aposteln und Predigern gezogen,denen die Patriarchen und Propheten mit zahllosen Menschenvoranziehen, während die Märtyrer und Lehrer zur Seite wallenund eine unabsehbare Menge aus allen Völkern, Geschlechtern,Lebensaltern und Ständen nachfolgt. Man sprach die Vermutungaus 91 , der Frate habe das Bild vom triumphierenden Christus denheidnischen Triumphen entlehnt, mit welchen die italienischenFürsten damals ihre Städte belustigten; man dachte auch wohl anBeeinflussung durch Petrarca und Dante 92 . Allein es ist von vorne-herein äußerst unwahrscheinlich, daß der Frate, allem heidni-schen Wesen sonst durchaus abhold, auf einmal den Erlöser selbstmit heidnischem Pompe in Zusammenhang gebracht haben sollte;man braucht nur die schon erwähnte Predigt 93 zu lesen, in derer den Triumph Christi zuerst entwickelt, um sich ohne weitereszu überzeugen, daß ihm das Bild durch die Sache wie von selbst
30 Schnitzer, Savonarola
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