DER FRATE BITTET DEN PAPST UM VERZEIHUNG 457
möge nicht länger aus Ihrem Herzen verbannt bleiben. An wensollte ich mich denn auch wenden denn als sein Schäflein an ihn,meinen Hirten, dessen segnende Stimme ich zu hören verlange underbitte, nach dessen heilsamer Gegenwart ich mich sehne. Wäreich doch längst zu seinen Füßen niedergesunken, wenn ich dieReise angesichts der Nachstellungen und Verfolgungen gottloserLeute hätte wagen dürfen. Doch bin ich entschlossen, sie anzu-treten, sobald eine solche Befürchtung nicht mehr besteht, undich brenne von ganzer Seele danach, mich endlich einmal von je-der Verleumdung reinigen zu können. Inzwischen unterwerfe ichmich wie immer aufs demütigste Ihrer Majestät, und wenn ich ausUnwissenheit oder Unachtsamkeit irgendwie gefehlt haben sollte,so bitte ich inständig um Verzeihung. Denn reine Bosheit wird Siean mir niemals entdecken. Ich bitte also flehentlich, Eure Heilig-keit möge mir den Born Ihrer Güte und Milde nicht entziehen. HatSie sich von meiner kindlichen Gesinnung erst einmal überzeugt,so wird Sie meine Anhänglichkeit, meine Ehrlichkeit und Ergeben-heit immer aufs neue bewährt sehen. Ich empfehle mich demütigEuerer Heiligkeit." Da ein Brief des Frate an den Papst nach-weislich auch früher schon unterschlagen worden war 68 , so drängtsich in Anbetracht der ferneren geschichtlichen Entwicklung derDinge die Vermutung von selbst auf, die Leute, denen an einerVerschärfung des Zwistes zwischen Papst und Frate alles gelegenwar, hätten dafür gesorgt, daß die Stimme des Geächteten dasOhr des Hauptes der Christenheit nicht erreichte 6 ". Selbst wennaber der Brief in die Hände des Papstes gelangt wäre, ob sich dieDinge wohl viel anders abgespielt hätten?
So mächtig und zahlreich die Gegner waren, die dem Frate amrömischen Hofe nachstellten, so fehlte es ihm hier doch auchnicht an aufrichtigen Verehrern und Anhängern. So hatte ihm seinLandsmann, der apostolische Protonotar Bertrand, treue Freund-schaft bewiesen, wofür er ihm mit der Versicherung dankte, daßsich seine Voraussagungen alle erfüllen und selbst die heftigstenVerfolgungen sein Werk nicht vernichten würden 70 . Sicher gereichtees dem Frate zu nicht geringer Genugtuung, zu erfahren, daß nichtbloß der ferraresische Gesandte Anton Costabili am mailändischenHofe seine Sache wacker verteidigt, scndern auch selbst MeisterVinzenz (Bandelli) die Stichhaltigkeit der Gründe anerkannt hatte,die für die Ungültigkeit des Bannes sprachen 71 . Geradezu gerührt