342 DIE PREDIGTEN ÜBER RUTH
daß mir die Predigt selbst zum Bedürfnisse ward, denn wenn ichnicht predige, kann ich nicht leben" 5 . Da er schon in der erstenPredigt zu strenger Rechtspflege mahnte, so ward er von seinenGegnern rachsüchtiger Gesinnung wider Nikolaus Della Stufa be-zichtigt 6 , obwohl er in Wirklichkeit nur ganz allgemein ein ent-schiedenes Vorgehen gegen die Flucher, Spieler, Sodomiten undFeinde der Volksherrschaft gefordert hatte 7 . Bald war er wiedervollständig Herr der Lage. Eben damals stand er auf dem Gipfelseines Ansehens und Ruhmes. Wie nie zuvor war er Gegenstandhöchster Verehrung nicht bloß in der Stadt selbst, sondern auchweit über ihr Weichbild hinaus. Am päpstlichen Hofe zählte erunter den Prälaten und selbst unter den Kardinälen warmeFreunde 8 , aus Deutschland gingen ihm Briefe von Anhängern zu 9 .Fremde baten ihn um seine Verwendung und Hilfe 10 . Die floren-tinischen Kaufleute, in allen Ländern der Welt zu Hause, trugendie Kunde von seiner Predigt in die fernsten Gegenden. In Lyon,Brüssel und London sprach man von ihr, selbst die Türken inKonstantinopel wurden auf sie aufmerksam, so daß schließlichsogar der Sultan dem florentinischen Konsul den Wunsch aus-drückte, sie kennen zu lernen und die soeben im Drucke veröf-i^o/ fentlichten Vorträge über Arnos ins Türkische übersetzen ließ 11 .Von italienischen wie außeritalienischen Herrschern wurde derFrate brieflich oder durch Gesandte um Ratschläge angegangen, wieden gegenwärtigen politischen Wirren und Bedrängnissen zu ent-toeet&' rinnen sei 12 . Er mahnte den Grafen Galeotto Pico von Mirandola,den Bruder des berühmten Philosophen, zu einer ernsten Lebens-besserung und sagte ihm im Falle seiner Unbußfertigkeit baldigenTod voraus 13 . Er bestärkte Johanna Caraffa, die Gattin JohannFranz Picos, in mehreren Briefen" zur Beharrlichkeit auf demdornenvollen Pfade christlicher Frömmigkeit und warnte sie vorallzu großer Ängstlichkeit, denn der Erlöser sei großmütig undgütig und kümmere sich nicht um jede Kleinigkeit. Die Liebelösche alle Sünden aus. Fühle sich Johanna gleichwohl beun-ruhigt, so möge sie sich an ihren Gatten wenden, auf dessen Ratsie bauen dürfe und müsse. Dem Herzoge von Ferrara wieder-holte und bestätigte er seine ganze bisherige Predigt von der Näheschwerer Heimsuchungen, denen gegenüber menschliche Vorkeh-rungen keineswegs verdammenswert seien, denn auch die mensch-liche Klugheit sei eine Himmelsgabe 15 . In einem eigenhändigen