XVIII. Kapitel. 1
DIE PREDIGTEN ÜBER RUTH.KAISER MAX IN PISA.
Wenn. sich der Frate trotz der mächtigsten Gegner auf derKanzel zu behaupten vermocht hatte, so hatte er einen Erfolg er-rungen, der seine Stellung nicht bloß der Stadt, sondern auch demHeiligen Stuhle und der Liga gegenüber nur befestigen konnte.Zwar hatten die Arrabbiaten seinen Ausflug nach Prato sofort dazubenützt, seinen alten Nebenbuhler Ponzo herbeizurufen und wäh-rend seiner Abwesenheit predigen zu lassen 1 . Sie kehrten ihrenHaß in einer Weise hervor, daß einer von ihnen, Nikolaus DellaStufa, zu sagen pflegte, wenn er könnte, so nähme er den Frate,steckte ihn in einen Sack und würfe ihn in den Arno 2 . Zum Ärger 3seiner Gegner kehrte der Obere von S. Marco jedoch nur zu baldnach Florenz zurück und bestieg schon am 8. Mai 1496 die Kanzelaufs neue, um mit seinen Predigten „Über das BüchleinRuthund den Propheten Michea s" 4 zu beginnen, dieer während des Sommers und Herbstes 1496 an den Sonn- undFesttagen hielt. „Noch immer sind wir da," erklärte er seinenHörern, „haben uns also nicht aus dem Staube gemacht. JeneLeute verbreiten solche Lügen, daß sie endlich doch selbst genugdaran haben sollten. So sprengten sie aus, wir hätten eine MengeGeld davongetragen. Jammerschade, meine lieben Florentiner, daßihr sie mir nicht abzunehmen verstandet. Was mich nun zumWiederbeginn der Predigt veranlaßte, das ist erstens die Rücksichtauf unsere Gegner, die nichts als Übles reden und ihrer Zungefreien Lauf gönnen. Zweitens die Wahrnehmung, daß das Volk zustraucheln beginnt, denn wenn das Wasser der Predigt versiegt, soverwelkt alles. Drittens die Beobachtung, daß so manche, sobaldsie Wolken am Himmel sehen, sogleich schon den Mut verlierenund jammern: Wir sind verloren. Viertens der Wunsch, euchzur Vorbereitung auf das nahe Pfingstfest durch Empfang derheiligen Sakramente zu ermahnen. Und endlich gestehe ich offen,