3 o8 VORLADUNG NACH ROM
wider ihn vorgebrachten Anschuldigungen eine nach der anderenals unbegründet zu erweisen, in Darlegungen, die zuweilen frei-lich recht gewunden und spitzfindig klangen. Vor allem berief ersich auf das Zeugnis des ganzen florentinischen Volkes, daß ernie etwas gepredigt habe, was der kirchlichen Lehre zuwider ge-wesen wäre oder Ärgernis hätte erregen können. Dahin kann,erklärte er, auch die Verkündigung künftiger Dinge nicht gerech-net werden. Eine solche gab es ja, wie jeder Kenner der Kirchen-geschichte weiß, noch stets und ist der christlichen Religion kei-neswegs abträglich, falls sie weder dem Glauben noch den gutenSitten oder dem gesunden Menschenverstände widerspricht. Sieist auch nirgends verboten und kann nicht verboten werden, denndas hieße Gott dem Herrn selbst Schranken auferlegen, der dochdurch den Propheten Arnos versichert: „Der Herr wirkt nichts,er offenbare denn sein Geheimnis zuerst durch seine Propheten"(Am. 3, 7). Ferner ist es vollkommen falsch, daß ich mich, erst,wie es im Breve heißt, durch den politischen Umschwung in Ita-lien zur Behauptung göttlicher Sendung habe verleiten lassen,denn ich trat mit meiner Verkündigung schon vor fünf, ja schonvor mehr als zehn Jahren hervor. Ich gab mich auch nicht, wiemir vorgeworfen wurde, für Gottes Gesandten aus, berief michvielmehr in meinen Schriften ausdrücklich auf die Bevollmächti-gung durch meine rechtmäßigen Oberen und beanspruchte nie-mals, von Gott allein gesandt worden zu sein 28 . Niemals behaup-tete ich förmlich, mit Gott zu sprechen, obschon dies, selbst wennes zuträfe, nichts Strafwürdiges wäre, da es nirgends verboten ist,mit Gott zu reden, der auch selbst reden kann, mit wem er will.Ich erklärte auch nicht schlechthin und nicht in der Absicht, michGott gleichzustellen: wenn ich lüge, dann lügt Gott oder Christus,oder: wer meinen Beteuerungen keinen Glauben schenkt, der gehtdes Heiles verlustig. Vielmehr ging ich hierbei stets von der Vor-aussetzung aus, daß eine von Gott selbst oder von Christus aus-gesprochene, von mir nur wiederholte Wahrheit in Frage stehe,mit der in hartnäckigem Widerspruche zu leben jedenfalls keinZeichen des Besitzes der göttlichen Gnade wäre. Niemals gab ichmich für einen Propheten aus, obschon es zu tun kein Verbre-chen sein würde. Denn sonst könnte es in der Kirche überhauptkeine Propheten mehr geben und die Kirche bliebe der Gabe derProphetie ganz beraubt^ was nach dem Ausspruche der Heiligen