268 RELIGIÖS-SITTLICHE ERNEUERUNG
anderseits die schwersten wirtschaftlichen Verluste und Schädi-gungen in Aussicht zu stellen 201 . So ist aller menschlichen Berech-nung nach das Übergewicht auf ihrer Seite. Der Frate verhehltsich denn auch nicht, daß ihm persönlich kein anderes Los als dasblutige Martyrium und der schmachvolle Untergang winke, istaber ebenso unerschütterlich überzeugt, daß ihm mit Hilfe derdurch die Predigt zu erobernden öffentlichen Meinung schließlichtrotz allem der Endsieg beschieden sein werde 202 .
Wenn sich nun schon die Ordensleute und Geistlichen nur zumgeringsten Teile zur religiös-sittlichen Höhe des Frate zu erschwin-gen vermochten, so war es kein Wunder, wenn auch ein großerTeil der Laien von ihr nichts wissen wollte und ihr nach demVorbilde des Klerus auf jede Art widerstrebte. Vor allem warenschon die p olitischen Gegner des Fra te zugleich die entschiedenenWider sacher seiner religiös-sittlichen Reformbestrebungen, weilsie bei der engen Verbindung der staatlichen und kirchlichenErneuerung in jedem Erfolge der letzteren einen Triumph desFrate, umgekehrt aber in jeder Schlappe der Frateschen und injeder Beschränkung des frateschen Einflusses eine Stärkung ihrereigenen Parteimacht erkannten. Sie verdächtigten den Frate undseine Leute als scheinheilige Heuchler, die unter dem weitenMantel christlicher Tugend und Frömmigkeit die Herrschaft ansich zu reißen trachteten 203 , und ließen es sich, sobald sie zeit-weilig die Oberhand gewannen, sofort aufs eifrigste angelegensein, den von ihm bekämpften Lastern und Ausschweifungen Vor-schub zu leisten. Die Schenken und schlechten Häuser fülltenJUf dt «f.iXsich dann wieder mit Besuchern, die Spieler und Dirnen kehrten, ~ , auf die Straße zurück, und es schien, als sei die Hölle los 204 .' Dazu» . kam der unaufhörliche Hohn und Spott von selten der einheimi-schen wie auswärtigen Gegner, die das vom Frate gepredigtechristliche Leben als pfäffisch und die Frateschen als Mucker undBetbrüder lächerlich machten 205 . Ganz besonders waren es diereichen Kaufleute, Bankherren und Wucherer 206 , die kein Mittelunversucht ließen, sich den lästigen Mahner, der sich auf keineZugeständnisse und Halbheiten wie die anderen Prediger undBeichtväter einließ und weder mit schönen Meßgewändern nochmit Goldstücken zu ködern war, vom Halse zu schaffen. Diebeliebtesten Waffen, deren sie sich bedienten, waren Briefe anden Papst und seinen Hof, um seine Abberufung von Florenz