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262 RELIGIÖS-SITTLICHE ERNEUERUNG
res Heils im Besitze des wahren Glaubens beruhe, versteiften siesich auf ihre makellose Rechtgläubigkeit und römische Kirchlich-keit, der gegenüber sittliche Gebresten und Schwächen noch sobedenklicher Art angesichts der göttlichen Barmherzigkeit undmenschlicher Gebrechlichkeit nicht so sehr ins Gewicht fielen, daja gerade durch sie die kirchliche Schlüssel- und Lossprechungs-gewalt zu vollen Ehren kam und gute Werke, wie der Bau unddie Austattung von Kirchen und Klöstern, die Zuwendung vonGeldmitteln für kirchliche Zwecke, Wallfahrten, Fasten und Almo-sen die Menge der Sünden bedeckten. So hatte man einen Heils-weg gebahnt, der vom bequemen „Sowohl als auch" ausging, Him-mel und Erde ausglich und Kirche wie Welt zugleich zufriedenstellte, die irdischen Genüsse und Güter nachsichtig zugestand unddoch auch die ewigen Wonnen versprach, während die Predigt desFrate dem furchtbaren „Entweder oder" galt, die große Liebe zuGott und zum Nächsten und die christliche Einfalt in den Vorder-grund rückte, die Augen unverwandt aufs Jenseits gerichtet hielt,die irdischen Güter mißachtete, die innere fromme Gesinnung be-tonte, auf die äußeren guten Werke nur wenig gab und den Glau-ben als selbstverständliche Voraussetzung ansah. So standen sichtatsächlich zwei Christentümer gegenüber, die sich gegenseitigaufhoben und daher keinen Frieden und keine Versöhnung, son-dern nur Krieg auf Leben und Tod zuließen; auf der einen Seitedas Christentum der Großkirche, das sich des Besitzes aller Ämter,Gewalten und Herrlichkeiten erfreute, daher voll Selbstbewußtseinund satt, auf der anderen das Reformchristentum Savonarolas, dassich nur durch eifrigste Werbetätigkeit zu behaupten vermochteund eben hierdurch zur Bloßstellung der Fehler und Mängel derGroßkirche und ihrer amtlichen Vertreter gezwungen sah, wasdiese selbstverständlich aufs äußerste reizen mußte. Wie hättendenn auch die hohen Prälaten, deren üppiges Leben und simoni-stisches Treiben er geißelte; die Pfründeninhaber und Seelsorger,deren Pflichtvergessenheit er an den Pranger stellte; die schein-heiligen Mönche und Nonnen, deren Heuchelei er entlarvte, seinePredigt ruhig ertragen sollen, die ihnen gleich Peitschenhieben insFleisch drang! Die tiefe grundsätzliche Gegnerschaft, die zwischenbeiden Lagern bestand, wurde durch sehr menschliche Rücksich-ten noch verschärft. „Der Neid", schrieb ein guter Beobachter derVerhältnisse 168 , „war im Klerus immer sehr mächtig, und jetzt