DIE FRÖMMIGKEIT IM ISLAM 257
bauten hegte und stets darauf drang, daß seine Ordenssöhne nurniedrige Häuser errichteten 119 . In seiner spanischen Heimat inislamitischer Luft herangewachsen, hatte er die Abneigung gegenhohe Gebäude schon mit der Muttermilch eingesogen. „Baut einMann", lautete ein islamitischer Spruch 150 , „neun Ellen hoch, soruft ihn eine Stimme von Himmel an: Wohin willst du damit,Gottloser der Gottlosen?" Obschon ursprünglich von frohem Welt-sinne getragen, hatte sich unter christlichen Einflüssen schließlichsogar der Islam zur weltverneinenden Jenseitsreligion entwickelt,in welcher das Gebot strenger Einfalt und Einfachheit keine ge-ringere Rolle als im Christentume spielte 151 . Daher bauten sichfromme Kalifen einen Thron aus Lehm und wählten den gering-sten Stoff zum Sinnbilde irdischer Macht. Nicht äußerer Prunkmacht den Schmuck eines Hauses aus, sagte sich der strenge Mus-lim, sondern seine Weihe durch Gebet und Lesung des Korans.Überhaupt muß man sich in seiner ganzen Lebenshaltung möglich-ster Einfachheit befleißigen, in Speise und Trank, in Schmuck undTracht. Es ist schon zu viel, täglich zweimal zu essen, überdiesreicht das für eine Person bestimmte Gericht auch für zwei. Gol-dene und silberne Schmuckgegenstände, purpurne und seideneKleider sind selbst Fürsten untersagt, die vielfach als Bettler leben,nur ein Gewand tragen, von einer Handvoll Datteln leben und mitLicht und Papier sparen. Auch im Islam geschieht nun alles inund für Gott, in unaufhörlicher Angst, sein Seelenheit zu verscher-zen, in beständiger Todesbereitschaft und Todesbetrachtung, in ge-wissenhafter Nachfolge Mohammeds. Daher bildeten all die Mah-nungen, welche der Frate als Forderungen christlicher Einfachheitgab, keineswegs den Ausfluß eines tertullianischen Rigorismus, wieman in völliger Verkennung der Verhältnisse klagt 152 , sondernentsprangen im Gegenteil einer der gesamten christlichen wie is-lamitischen Mittelmeerwelt gemeinsamen sittlichen Höhenlage undwurden daher auch von den Gläubigen nicht als überspannteQuälereien zurückgewiesen, sondern gerade von den religiös ge-sinnten Florentinern, die als weitgereiste und welterfahrene Män-ner mit den islamitischen Bräuchen und Anschauungen sehr wohlbekannt waren, willig hingenommen. Welche Schande für Chri-sten, an sittlichem Ernst und Opferwillen hinter Türken zurück-zustehen! Im Gegensatze zum heiligen Johann von Kapistran, derdie Mohammedaner nur immer Hunde nannte und ärgerlich wurde,
17 Schnitzer, Savonarola