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1 (1924) Das Leben
Entstehung
Seite
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2 56 RELIGIÖS-SITTLICHE ERNEUERUNG

biblische Erzählung auszulegen und an den Beispielen heiligerMänner und Frauen zu zeigen, daß man auch im Ehestande eingottgefälliges Leben führen könne. Die Brautleute verbrachten denTag mit frommen Übungen und pflegten Klöstern und armen An-stalten Almosen zu senden, um ihres Gebetes teilhaft zu werden.' Es kam vor, daß sich die Neuvermählten verabredeten, stete Jung-| fräulichkeit zu beobachten. Viele Männer und Frauen gelobtenunter dem Eindrucke der Predigt des Frate Keuschheit. Die Glücks-spiele hörten auf, die Dirnen verschwanden aus den Straßen, vieleSchenken blieben geschlossen und sogar die Schaustellungen heili-ger Mönche erregten Anstoß 145 . Es waren auch nicht etwa nurschwärmerische Piagnonen, welche die Stadt in ein irdisches Pa-*Per r c«st~i radies verwandelt sahen 148 . Selbst ein kühler Beobachter bezeich-nete es als eine staunenswerte Sache 147 , daß man auf Betreiben desFrate das herkömmliche Wettrennen am Feste Johannes des Täu-fers unterließ, das Spiel aufgab und die üble Sitte verbannte. Sokonnte man mit Recht sagen, daß Christus König von Florenz war.Er herrschte in den frommen Seelen, die seinen Willen erfüllten.Unmöglich hätten nun aber die Forderungen, welche die Predigtvon der christlichen Einfalt an die Gläubigen stellte, so begeisterteAufnahme nicht etwa nur bei einzelnen Überfrommen, sondernbei weiten Volksmassen finden können, wären sie von diesen alsunerträgliche Zumutungen empfunden worden. Man erkannte undnahm sie vielmehr als das, was sie sein wollten und waren, als dieaus einer ernsten Auffassung der christlichen Heilslehre von selbsterfließenden Folgerungen. Wenn das letzte und höchste Ziel undEnde des Menschen in jenseitiger Seligkeit lag, dann konnte diesersein Glück nicht in diesseitigen Schätzen finden, dann war allesIrdische nur ein Wegweiser zum Himmlischen, dann lebte derMensch nur als Gast und Pilgrim hinieden und wallte seinem wah-ren Heimatlande entgegen, dann mußte die Religion der Führerund Leitstern seines Handelns und Wandeins sein und alle Lebens-verhältnisse, die staatlichen wie die bürgerlichen, die häuslichenwie die persönlichen vollständig beherrschen und durchdringen.So sehr stand das j*anze Mittelalter im Banne dieser in ihrer inne-ren Geschlossenheit und Folgerichtigkeit großartigen Weltanschau-ung, daß sich ihr nicht nur die christliche, sondern sogar auch dieislamitische Welt willig beugte 148 . Es war kein Zufall, daß der hei-lige Dominikus einen so großen Widerwillen gegen hohe Kloster-