2 5o RELIGIÖS-SITTLICHE ERNEUERUNG
gesetze samt Tempel keinen Bestand hatten, so werden solcheÄußerlichkeiten auch bei uns Christen schwinden; von ihnengilt Christi Wort: „In secessum mittuntur" (vgl. Matth. 15, 17) 107 .Warum schmilzt man all die überflüssigen Kelche und Kreuze ausGold und Silber nicht ein, um den Erlös unter die Armen zu ver-teilen? Die Sakramente lieben und brauchen kein Gold. UnsereVäter hatten Kelche aus Holz, aber damals waren die Priester ausGold. Gegenwärtig aber sind zwar die Kelche aus Gold, aber diePriester aus Holz. Die Tempel Gottes sind die Armen. Es ziemtsich nicht, Tempel aus Marmor zu bauen und mit Gold und Silberzu beladen, während sich heiratsfähige Mädchen aus Not gezwun-gen sehen, den Weg des Lasters zu beschreiten. Nirgends stehtgeschrieben, daß Christus den Bau prachtvoller Kirchen und dieAnschaffung goldener Kelche, wohl aber, daß er die Speisung derHungrigen geboten habe. Freilich reden sich die Leute, die aufsolche Dinge Gewicht legen, darauf hinaus, daß sie mit dieseräußeren Zier doch nur Gottes Ehre anstreben. Als ob all derPlunder zu Gottes Ehre gereichte und nicht gerade die Armut derhöchste Schmuck der Religion und des Christen und nun gar desGeistlichen und Ordenmannes wäre 108 !
Darum müssen gerade die Geistlichen und Ordensleute denLaien mit dem guten Beispiele in der entschlossenen Rückkehr zururkirchlichen Armut und Einfalt voranleuchten, die mit der kirch-lichen Erneuerung gleichen Schritt hält. Übermenschen solltendie Priester und besonders die kirchlichen Oberen sein, da sie jaauch eine übermenschliche, fast göttliche Vollmacht und Würdebekleiden 109 . Es ist sehr zu beklagen, daß die Eltern ihre Söhne demgeistlichen Stand lediglich in der Absicht aufdrängen, um derkirchlichen Pfründen und Einkünfte teilhaftig zu werden undReichtümer zusammenzuscharren, die sie mit gutem Gewissendoch nicht behalten dürfen, sondern der Kirche zurückzuerstattenverpflichtet sind 110 . Früher hieß es: Selig das Haus, das einenGeistlichen hat; heutzutage muß man dagegen sagen: Selig das"Haus, das keinen Geistlichen hat! Wenn du deinen Sohn liebst.so laß ihn nicht Priester werden; willst du ihn aber zu Grunderichten, so führe ihn den Weihen zu 111 ! Jedenfalls verdient einfrommer Laie vor einem schlechten Priester, der als geistlicherTaglöhner Gott nur des Vorteiles und Gewinnes willen dient,entschieden den Vorzug 112 . Gewiß gibt es auch tugendhafte und