DIE EINFALT DES CHRISTLICHEN LEBENS 237
fahren 29 ist; und dieses Gegengift kann nur in der entschlossenenRückkehr zumChristentume liegen, freilich nicht zum landläufigenChristentume. das, längst selbst schal geworden, zu nichts mehrtaugt, als weggeworfen und mit Füßen zertreten zu werden, son-dern zum Christentume Christi selbst und der Urkirche. Die Vor-schriften, die der Frate zu diesem Behufe in seinen Predigten un-ermüdlich gab und 1495 in der Schrift „VonderEinfaltdeschristlichenLeben s" 30, £usammenfaßte, drangen eindring-lich und hauptsächlich auf Verinnerlichung und Vertiefung desChristentums und entschiedene Abkehr von allem eitlen Prunkeund Überflusse zu apostolischer Einfalt und Einfachheit. Im An-schlüsse an das in Vergessenheit geratene Wort der göttlichenWeisheit (1, 1): „Denket von Gott in Güte und suchet ihn in derEinfalt des Herzens", in simplicitate cordis quaerite illum, erblickteer in dieser Herzenseinfalt (simplicitas, ital. semplicitä) das wesent-lichste und wichtigste Heilmittel. Denn, sagte er, Gott als das aller-geistigste ist eben deshalb auch das allereinfachste und ajlervoll-kommenste Wesen. Da nun das Ziel und Ende des Menschen inseiner Vereinigung mit Gott durch die Liebe liegt, die möglichsteAngleichung des menschlichen Wesens an das göttliche fordert, somuß jedermann, dem die Erreichung seines ewigen Endzielesernstlich am Herzen liegt, nach möglichster Einfachheit trachten.Die Einfachheit des christlichen Lebens beruht aber hauptsächlichin der Einfalt der Gesinnung, in der Reinheit des Herzens, in derwerktätigen Liebe zu Gott und den Menschen; denn was den Men-schen gut macht, das ist sein guter Wille allein 31 . Selbstverständ-lich muß sich nun diese innere Herzejiseinfalt in unserer ganzenLebensführung äußern und in einer gewissen Einfachheit undAnspruchslosigkeit in Nahrung, Kleidung und Wohnung, im Auf-treten und Verkehre mit anderen auswirken. Gleichwohl ist sienicht Einfältigkeit noch Unbildung oder Unwissenheit, vielmehr |mit feiner Bildung, Wissenschaft und Lebensweisheit sehr wohllvereinbar 32 . Noch viel weniger ist Einfalt Schmutz, den sie imGegenteil verabscheut 33 . Auch mit Einförmigkeit ist sie nicht zuverwechseln. Sie verkennt keineswegs, daß es eine Verschieden-heit, in der Lebensführung geben muß, und nimmt auf die imnatürlichen Baue der menschlichen Gesellschaft von selbst gege- ^ A<&o*yybenen Standesunterschiede sehr, wohl Rücksicht, indem sie sichan die Vorschriften und Ratschläge hält, welche die Heiligen des