236 RELIGIÖS-SITTLICHE ERNEUERUNG
schwellte, das war die Wahrnehmung all des Guten, Gesunden
Tiefchristlichen, was gerade im florentinischen Volksleben
noch in erfreulichem Maße und Grade lebendig war. Er
stieß auf fromme Priester und Ordensleute und zahlreiche
religiös gesinnte Laien beiderlei Geschlechtes und verglich
die Stadt mit einem herrlichen Garten voll duftender
Blüten, so daß sie ihren Namen „Blütenstadt" ganz mit
Recht trage 21 . So schlimm es auch in Florenz gewiß aussah —
es stand hier doch immer noch besser als in anderen Ländern
und Städten; mit seinen prächtigen Spitälern und Klöstern war es
die würdigste Stadt der Welt 22 . Es wäre daher auch ein Leichtes,
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Florenz in eine christliche Muster Stadt zu verwandeln und das
religiöse Leben zur höchsten Vollkommenheit nach dem Musterder jerusalemischen Urgemeinde zu erheben, wenn nur die schlech-ten Priester und Mönche nicht wären, die immer wieder alles ver-derben 23 . So war denn der Frate in die Stadt ganz verliebt undentschlossen, alles, selbst sein Leben für sie zum Opfer zu brin-gen 24 . Wußte er sie doch mit seinem eigenen Geschicke aufs alier-engste verflochten, da sie wie er selbst von Gott zu hohen Dingenberufen, namentlich aber dazu ausersehen sei, den Ausgangspunktund Herd der großen religiös-sittlichen Erneuerung zu bilden,welche die Kirche und die Gesellschaft vor dem Untergange be-wahren sollte. Schon durch ihre Lage inmitten Italiens, dessenNabel sie gleichsam war, schien sie zu solcher Aufgabe vorausbe-stimmt; von Florenz aus sollte das Heil und Licht der kirchlichenReform in alle italienischen Städte und Landschaften und weiterin die benachbarten und ferneren Länder leuchten 25 . Überdiesumspannen die Florentiner mit ihrem Handel die ganze Welt; essind helle Köpfe, von Gott schon jetzt mit irdischen Gütern bevor-zugt und Gegenstand seiner besonderen Liebe und Fürsorge"Florenz soll ein zweites Nazareth werden, zu allen Völkern sollder süße Duft seiner christlichen Tugenden dringen, von weitemwerden die Türken herbeieilen, um sich hier zu erbauen und zubekehren 27 . Allerdings muß die Stadt zuvor vom Unkraut gesäu-bert werden 28 . Unter die Räuber gefallen und von den Pharisäernund Schriftgelehrten ihrem Elende überlassen, wird sie von einembarmherzigen Samariter erquickt und gepflegt. Um zu genesen, be-darf sie eines umso kräftigeren Heilmittels, je tiefer ihr das Giftheidnischer Verweltlichung bereits in alle Glieder und Säfte ge-