NEUHEIDNISCHE LASTERHAFTIGKEIT 235
warf er der Stadt vor, dem Götzendienste verfallen zu sein. „EureLasterbuben, eure Dirnen, eure Schurken und Konkubinen, dassind eure Götzen 10 ." Auf offener Straße wurden junge Mädchenund Frauen von Burschen belästigt 11 . Sogar im Dome ward einMädchen angepackt 12 . „Heutzutage", bemerkte der Frate bitter,„könntest du erwachsene Mädchen nicht mehr, wie es einst zur Zeitder Patriarchen geschah, allein zum Viehhüten schicken. Ichmöchte dir nicht dazu raten 13 ." Freilich waren nach den Wortendes Predigers die Frauen an der allgemeinen Zuchtlosigkeit selbstmit schuld, da sie sich nicht schämten, den Leib bis zur Mitte ent-blößt zu tragen 15 . Das Laster aber, um dessentwillen Florenz nachder Versicherung seines Propheten in ganz Italien verrufen war,obschon es anderswo, wie er selbst zugab, auch nicht viel besseraussah, war die Sodomie. In allen Kreisen der Bürgerschaft,namentlich auch unter dem Klerus, war sie im höchsten Schwange,der Stadt verderblicher als ein feindliches Heer 15 . Schon die Kin-der waren davon angesteckt, ohne von ihren Eltern behelligt zuwerden; ja diese freuten sich noch, wenn ihre Söhne Sodomietrieben, da diese nicht schwängere 16 . Ebensowenig schritten dieMeister und Lehrherren hiergegen ein; im Gegenteil gingen sieselbst mit dem schlechten Beispiel voran, indem sie ihre Lehrlingezur Sünde mißbrauchten 17 . Überhaupt waren die Alten schlimmernoch als die Jungen, denen gerade von den Greisen die schwerstenGefahren drohten 18 . Ein weiterer Götze, dem die Stadt nach derSchilderung des Frate ganz besonders huldigte, war der Geldsack.Vom Kleinsten bis zum Größten war alles unersättlicher Habsuchtergeben, dem goldenen Kalbe, nicht Christus und dem Kreuzedienstbar, im Wahne, den Himmel, den man doch nur in Armutgewinnt, mit Gold erobern zu können 19 . Bittere Klage führte derProphet über den Spielteufel, der so sehr sein Unwesen trieb, daßsich selbst ehrbare Männer nicht scheuten, in Gegenwart ihrerKinder dem Spiele zu frönen, mit Würfeln aus Bernstein, Silberund Gold; selbst Frauen nahmen an Glücksspielen teil 20 .
Allerdings sagt nun ein alter Spruch: „Pr aedicator non d icit / M (t^. /veritatem." Allein wir sahen bereits, daß die unverdächtigen Be-richte glaubwürdiger Zeitgenossen die Klagen des Predigers voll- ?auf bekräftigen, ja die religiös-sittlichen Zustände der Arnostadteher in noch trüberem Lichte erscheinen lassen. Gleichwohl ver-zagte der Prediger nicht. Was seine Brust mit froher Zuversicht