DER FRATE NICHT HERR DER STADT 231
nahm ich auch nur einen Esel von euch 118 .'" Es war ihm heiligerErnst mit seiner Versicherung, daß er das Volk nicht beherrschen,sondern zu einem christlichen Leben erziehen, nur sein Berater,nicht sein König sein wolle, denn König sei Christus allein 119 . DieMacht, die er sich beimaß und für sich in Anspruch nahm, wardurchaus sittlicher Art. Mit dem barmherzigen Samaritan, der sichdes unter die Räuber gefallenen, aus tödlichen Wunden blutendenWanderers annahm, mit dem sorgenden, vor keiner Mühe, vorkeinem Opfer zurückschreckenden Vater, mit der liebenden Mut-ter, die ihre Kinder in Schmerzen gebar, verglich er sich 120 . Ausseiner besonderen Liebe, nicht aus besonderen verfassungsrecht-lichen Vollmachten leitete er seine Sorge um die Stadt ab. ObschonFremdling, fühlte er sich mit ihr so sehr verwachsen, daß er wieein geborener Florentiner empfand, den Verlust Pisas als größtesUnglück beklagte und seine Wiedergewinnung in sicherste Aus-sicht stellte, mit dem Beifügen, diese wäre längst eingetreten, hättendie Florentiner eine solche Wohltat nicht selbst einerseitsdurch ihre Unbußfertigkeit, andererseits durch ihr hochverräteri- j>sches Treiben verscherzt 121 . Nicht, wie man z uweilen wohl an-nahm 122 , dem Hasse gegen Pisa entsprang solche Predigt, sondernder Überzeugung, die Rückkehr gereiche auch der unglücklichenStadt Pisa selbst zum Wohle, da diese ja nicht mehr dem altenFlorenz der ehemaligen Bedrücker, sondern einem neuen, besserenFlorenz zurückgegeben werden und daher auch an dem ihm zu-gedachten Segen teilhaben sollte. Allein, mochte sich der Frate jnoch so sehr als Vater fühlen, die Florentiner waren weit entfernt,seine gehorsamen Kinder zu spielen, und am allerwenigsten warjDankbarkeit ihre starke Seite. Nicht einmal auf dem Gipfel seinerMacht und seines Einflusses, als er die Verfassungsreform durch- ~ //o—setzte, hatte er das ganze Volk hinter sich 123 . .Ohne Zweifel ver-fügte er über eine große Schar begeisterter Anhänger. Nicht weni- ^ger groß war aber die Zahl seiner Gegner, die ihn mit grimmigstemHasse verfolgten 124 . Wohl saßen Freunde von ihm in allen Ver-sammlungen, in allen Beratungen und Behörden. Aber die Beam-ten waren gesetzlich immer nur wenige Monate im Dienste, undwenn auch von Zeit zu Zeit eine fratesche Signorie ans Ruder kam,so ward sie doch schon nach kurzer Zeit durch Männer abgelöst,die der Gegenpartei angehörten. Mochte auch das Königtum, dasder Frate Christus beilegte, sein Gegenstück in dem Prophetentume