VERHÜTUNG DES BÜRGERKRIEGES 2o5
Mönch, wie verstehst du denn diesen Frieden? so entgegne ichdir: gib allen Haß und Groll auf und vergiß und verzeih alles,was hinter der jüngsten Staatsumwälzung liegt; wer sich abervon nun an gegen das Staatswesen verfehlt, der soll bestraftwerden! Lege allen Groll von den alten Zeiten und früheren Vor-kommnissen her beiseite, und du wirst dann auch selber ein-sehen, daß ich recht habe, und daß dein vererbter Haß deinUrteil trübt. Ich, der ich an deinen eingefleischten Gehässigkeitenkeinen Teil habe, sehe in diesen Dingen besser als du. Meinst dudenn, ich wisse nicht auch, was in den früheren Zeiten dahiergeschah? Ich wisse nichts von der Verschleuderung der Güter,von der Zerstörung der Häuser? Was ist seit 1434 alles zugrundegerichtet wordenl Und woher kam dies alles? Einzig daher, weildu niemals vergessen wolltest, sondern immer nur den alten Haßnährtest, der dann bei jeder Gelegenheit aufs neue hervorbrach.Darum rufe ich dir wieder und wieder zu: Friede, Friede 76 ! Beieuch werden ja schon die Kinder im Hasse gegen die ererbtenFamilienfeinde groß gezogen, der ihnen nachgerade zur zweitenNatur wird 77 . Darum gibt es, wenn die Stadt in der Wurzel ge-sunden soll, kein anderes Heilmittel als das Vergessen alles Ver-gangenen und die Herstellung eines allgemeinen Friedens, zudessen Bewahrung die Einsetzung einer eigenen Behörde, derFriedensstifter, Paciali, emfehlenswert wäre 78 ." Tatsächlich kames denn auch zum Ausbruche des so sehr gefürchteten Bürger-krieges nicht. Daß er die Stadt in den langen Tagen nach demSturze Peters vor den blutigen Feindseligkeiten bewahrte, wieman sie unter solchen Umständen seit alters gewohnt war, wardvon Freund wie Feind stets als eines der größten Verdienste desFrate gewertet 79 .
Der allgemeine Friede, den er von den Bürgern zum Dankefür die ihnen von Gott bezeigte Barmherzigkeit geschlossen wissenwollte, sollte aber in seinen Augen nur die unerläßliche Voraus-setzung und den notwendigen Bestandteil jener alhimfassendenreligiös-kirchlichen Erneuerung bilden, als deren unentbehrlicheGrundlage er die Neuordnung des florentinischen Staatswesensbetrachtete. In den Predigten, die er in den entscheidendenAdventwochen von 1494 hielt, wie in seinen späteren Kanzelvor-trägen lenkte er die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer immer wiederauf die mit der Herrschaft eines Tyrannen 80 nicht etwa nur zu-