MONTE DI PIETA * 201
selbst Klöster und Geistliche nicht schämen 48 . So groß nun auchdie Pflicht der Reichen zur Unterstützung der Armen ist, so istdoch Arbeit besser als Almosen 49 , vorausgesetzt, daß man denArbeiter nacfT Gebühr entlohnt und seine Notlage nicht ausnützt,wie dies so viele tun, welche arme Handwerker um ihren Arbeits-lohn bringen oder mit Waren abspeisen 50 . Andererseits ist es einUnfug, wenn Leute, die beständig über Hungersnot klagen, denganzen Tag tanzen und Kurzweil treiben, und wenn Bauern-weiber Gürtel von Seide und Silber tragen 51 . Heutzutage sind dieArmen Gotteslästerer, Spieler und aller Laster voll 52 .
Von der Sorge für das wirtschaftliche Wohl seiner Mitbürgerwar auch die Haltung des Frate in Sachen der Juden und derMonti di pietä 53 getragen. Der Jude war im Mittelalter Verfolgterund Verfolger zugleich. Verachtet und ins Getto verstoßen, er-zwang er sich mit seinem Gelde den Eintritt in die Paläste derHerrscher und rächte sich für die erlittenen Unbilden, indem ersich als hartgesottener Wucherer an den Tränen der seinerHabsucht verfallenen christlichen Opfer weidete. Als wahreVolksmänner gewöhnt, mit den Weinenden zu weinen und mitden Fröhlichen froh zu sein, nahmen sich die Minoriten der Notdes Volkes aus Kräften an; namentlich waren es die franzis-kanischen Wanderprediger, die überall in Italien gegen diejüdischen Blutsauger auftraten und eben hierdurch ihre Volks-tümlichkeit vermehrten und festigten, während die Großen undVornehmen, von den Juden bestochen oder doch wirtschaftlichabhängig, dem jüdischen Wucher durch Zulassung jüdischerGeschäfte die Bahn ebneten. Mit bloßen Predigten gegen diejüdischen Ausbeuter hätten die Minoriten dem gemeinen Mannejedoch wenig genützt, hätte ihr erfinderischer Geist in der Ein-führung des Monte di pietä, nicht auch das Mittel ersonnen, dasjüdische Kapital auszuschalten. Sie entflammten die Gläubigenzur wirtschaftlichen Selbsthilfe durch gemeinsame Aufbringungeines größeren Geldbetrags, gewissermaßen durch Anhäufungeines Berges an Geldvorrat, eines Monte 54 , der, vom Geistechristlicher Barmherzigkeit, pietä, gegründet, in der Gewährungkleiner Darlehen auf Pfand an bedürftige Mitbürger ebenso vieleWerke christlicher Barmherzigkeit spendete, und daher mit RechtBerg der Barmherzigkeit, Monte di pietä, hieß. Das erste Dar-lehens- oder Leihhaus der Art wurde vom Minoriten Barnabas