200 NEUORDNUNG DER VERFASSUNG
des Frate an die Mildherzigkeit seiner Hörer trug reiche Früchte.Das bei den Sammlungen eingegangene Almosen „war so groß,daß man es nicht abschätzen konnte, Gold und Silber, Wolle undLinnenzeug, Seide, Perlen und anderes: jeder überreichte es mitgroßer Liebe und Barmherzigkeit 38 ". Der Wert der gespendetenGaben wurde auf die für die damalige Zeit sehr hohe Summe von5—6000 Dukaten veranschlagt 38 ; auch das Opfer an Getreide undWein fiel sehr gut aus 40 . Ebenso freigebig wurden die Armen ge-legentlich der Prozession an Maria Empfängnis bedacht; „einwahrhaft lobenswürdiges Werk, bemerkt ein Mann, der jedenfallsauch selbst unter den Spendern war 41 , und zu dem Ende verordnet,daß Gott uns die Hände über dem Haupte halten und uns vor allenUnruhen beschirmen möge, zu denen es an Anlaß nicht fehlte."So erfreulich diese Äußerungen christlicher Mildtätigkeit waren,so vermochten sie doch nur eine zeitweilige Linderung der herr-schenden Not zu bewirken. Der Mangel an Lebensmitteln machtesich immer mehr fühlbar, auch das Hauptübel, die Arbeitslosig-keit, dauerte immer noch fort. So ließ denn auch der Predigernicht ab, den Gläubigen ihre soziale Pflichten gegenüber den Be-dürftigen einzuschärfen, was ihn freilich vor dem Vorwurfe nichtbewahrte, daß er an der Teuerung und Arbeitslosigkeit schuldsei 42 . Von Natur, lehrte er, sind alle Menschen gleich und alleDinge gemeinsam. Es ist eine unter schwerer Sünde verbindlichePflicht der Reichen, den Armen ihren Überfluß namentlich anGold und Schmucksachen abzutreten 43 . Alle Sünden der. Reichenfinden Vergebung bei Gott, aber ihre Hartherzigkeit gegen dieArmen und ihre wucherische Habsucht verzeiht er ihnen nicht 4 '.Dieselbe Pflicht obliegt ganz besonders der Kirche wie dem Welt-und Ordensklerus. Das Kirchengut, häufig schnöde verpraßt, ge-hörten den Armen. Man sollte die goldenen Kreuze und Kelcheeinschmelzen und den Erlös unter die Armen verteilen 45 . DieKirchen brauchen weder von Marmor, noch die Kelche von Gold^j 1^. t ^, zu sein. Während sehr viele Arme Hungers sterben, haben dieReichen sowie die Klöster Keller und Scheunen voll Lebensmittelund die Nonnen schwimmen im Überflusse 46 . Die Reichen ver-stecken das Getreide und rufen eine künstliche Hungersnot hervor.Lieber lassen sie das Getreide verderben, als es den Armen zugeben 47 . Lassen sie den Armen aber wirklich Getreide zum Kaufeab, so verwenden sie schlechtes Maß, ein Vorgehen, dessen sich