XI. Kapitel.
DIE NEUORDNUNG DER VERFASSUNG.DIE PREDIGTEN ÜBER AGGÄUS UND DIE PSALMEN.
Die großen Ereignisse, die sich seit der Ankunft desfranzösischen Königs in Italien abgespielt hatten, mußten aufSavonarola den tiefsten Eindruck machen. Waren sie doch ganzwie geschaffen, die in ihm zuvor schon lebendige Gewißheit seinerprophetischen Sendung zur unerschütterlichen, über jedenZweifel erhabenen Überzeugung zu verdichten. Denn was nachGottes eigener Erklärung (Deut. 18, 22) das Siegel göttlichenUrsprungs auf die prophetische Verkündigung drückte, das war,erklärte er 1 , ihre Erfüllung. In all dem Unerhörten aber, wassoeben Schlag auf Schlag geschehen war, erblickte er die gott-gewirkte Bestätigung seines bisherigen Predigens, aus der seinprophetisches Bewußtsein immer neue Nahrung, seine Berufs-treue immer neuen Ansporn schöpfte. „Denke daran, rief erseinen Gegnern zu 2 , wie ich dir vor drei Jahren verkündete, eswerde ein Wind gleich dem des Elias kommen und die Bergeerschüttern. Dieser Wind kam, es war das Gerücht, das sichüber den französischen König wie ein Wind über ganz Italienverbreitete und die Berge, d. h. die italienischen Fürsten, er-schütterte und zum Glauben und Nichtglauben veranlaßte, daßdieser König kommen werde. Wohlan, und nun kam er doch,du aber sagtest: Er kommt nicht, er hat keine Pferde, es istWinter. Ich aber lachte dich aus, denn ich wußte, wie die Dingegehen würden. Nun kam er doch, und Gott verwandelte denWinter in Sommer 3 , wie ich dir damals sagte. Denke daran, wieich dir sagte, Gott werde von jenseits der Berge herabsteigenund ihn am Zügel führen und der Meinung aller zum Trotze hier-her geleiten, und siehe, er kam. Denke ferner daran, wie ich dirsagte: Deine starken Festen und hohen Mauern werden dir nichtshelfen. Siehe zu, wie sich alles erfüllte! Sage mir doch, Florenz!Wo sind denn nun deine Festen und Felsen, was halfen sie dir?