D ER „FRATE" ______________________ 193
Denke sodann daran, wie ich dir sagte, deine Weisheit und alldeine Gescheitheit werde dir nichts .nützen, du werdest einemBetrunkenen und Verrückten gleich alles verkehrt anpacken. Nunkam alles so und traf ein, du aber wolltest mir niemals glaubenund glaubst mir auch jetzt noch nicht. Ich sage dir, Halsstarriger,du glaubst auch den Rest nicht, denn Gott schenkt dir die Gnadedes Glaubens nicht." Um so größeres Vertrauen brachten ihmseine Anhänger nunmehr entgegen, ganz wie er selbst vom Ein-drucke überwältigt, daß er als Gottes Herold gesprochen habe.Als heiliger Mann und Prophet genoß er weit über die florenti-nischen Grenzen hinaus eine Verehrung 4 , die wie sein Selbst-gefühl, so das Gewicht seiner Worte in allen Volksteilen steigerte.Der Mönch aus Ferrara, der allgemein im Rufe der Heiligkeitsteht, schrieb Peter Delphin an seinen bischöflichen Freund vonPadua 5 , verkündete nun schon drei Jahre hindurch beharrlich alldie Gewitterstürme im voraus, die nunmehr am Himmel stehen.„Die ganze Stadt hängt an ihm und setzt auf ihn ihr letztesVertrauen." Marsilius Ficinus mahnte seinen Freund Cavalcanti,den heilsamen Ratschlägen eines an Heiligkeit und Weisheit soausgezeichneten Mannes, wie Savonarola es sei, williges Ohr zuleihen. Sei er doch von Gott selbst auserwählt worden, um durchseine nun schon vier Jahre währende Predigt von der Stadt dasihr um ihrer Sünden willen bevorstehende Unheil abzuwenden 6 .Der Pistojese Franz Ricciardi verzeichnete genau den Tag, da esihm vergönnt war, der Predigt des Bruders Hieronymus zulauschen, den das florentinische Volk anbete, wie wenn er ihrSchutzpatron wäre 7 . „Er wird angebetet und verehrt wie einHeiliger", berichtete auch der ferraresische Gesandte Manfredidem Herzoge 8 . Jedenfalls war er der volkstümlichste Mann derganzen Stadt und Umgebung, überall als der „Klosterbruder",der „Frate" schlechthin, gekannt und benannt.
Mit dem vollen außerordentlichen Ansehen nun, über das erals von Gott gesandter Prophet und bewährter -Helfer des Volkesin schwerster Not verfügte, setzte sich der Frate zum Bestenseiner Mitbürger in der gefährlichen Lage ein, in der sie sichauch nach dem Abzüge des französischen Heeres noch immerbefanden. Das Schreckgespenst, einer Hungersnot stand vor derTüre. Unaufhörliche Regengüsse und verheerende Überschwem-mungen hatten eine Mißernte, die kriegerischen Ereignisse
13 Schnitzer, Savonarola