ANSPRACHE AN DEN KÖNIG 173
Lebens hält. Da nun die Mitte von beiden Enden etwas an sichhat, so läßt sich, was von den Seligen und Verdammten gesagtward, leicht auch bezüglich der anderen Geschöpfe vermuten, daßsich nämlich Barmherzigkeit und Gerechtigkeit in allwege dieHand reichen, wenn sich auch ihre Wirkungen auf verschiedeneWeise äußern. Denn Sache der Barmherzigkeit ist es, die Sündengeduldig zu ertragen, die Sünder langmütig zur Buße zu erwarten,sanftmütig herbeizurufen und anzulocken, milde an sich zu ziehenund zu umfassen, barmherzig zu begnadigen, gütig zu rechtfer-tigen, mit reicher Gnade auszustatten und mit den unerschöpf-lichen Schätzen der himmlischen Herrlichkeit in Fülle zu über-häufen. Die Gerechtigkeit aber verlangt, den Sünder, den sie ge-duldig ertragen, langmütig erwartet und öfter sanftmütig gerufen,nachdem er dies alles mißachtet, der Gnade zu berauben, der Tu-gend zu entblößen, ihm das Licht zu entziehen und seinen Ver-stand zu verdunkeln, ihn immer noch tiefer in alle Sünden zustürzen, ihm alles zum Unheile gereichen zu lassen und ihn dannendlich in der Hölle mit ewiger. Qual zu bestrafen. Da nun dieunermeßliche Güte Gottes, die Liebhaberin der Menschen, dieSünden Italiens mit größter Geduld ertragen, so viele Jahre hin-durch langmütig zur Buße erwartet und immer wieder durch denMund .verschiedener ihrer Knechte sanftmütig zur Buße-ermahnthat, Italien aber weder hören, noch seines Hirten Stimme ver-nehmen, noch für seine Sünden Buße tun wollte, vielmehr GottesLangmut trotzig mißbrauchte, seine Sünden noch vermehrte underschwerte, Gottes Wohltaten nicht erkannte noch bedachte, son-dern die heilige Taufe und Christi Blut geringschätzte und ein Dir-nenantlitz und eine eherne Stirne zur Schau trug: so beschloß derhöchste und allmächtige Gott, den Weg der Gerechtigkeit zu be-schreiten und seiner Gerechtigkeit ihren Lauf zu lassen. Da aber,wie schon bemerkt, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit in allenseinen göttlichen Werken zusammengehen, so war Gottes Güte sogrenzenlos, daß er, um seinem Volke mit seiner Gerechtigkeit zu-gleich auch seine Barmherzigkeit zu erzeigen, unter anderen einemseiner unwürdigen Knechte das Geheimnis offenbarte, wie er seineKirche auf dem Wege schwerer Züchtigung zum Besseren zu re-formieren gedachte. Dieses Geheimnis begann dieser unnützeKnecht auf Grund göttlicher Eingebungen und Gesichte — es istnun schon das vierte Jahr — in der Stadt Florenz zu predigen.