Druckschrift 
1 (1924) Das Leben
Entstehung
Seite
172
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I?2 SAVONAROLA UND KARL VIII.

Volksseele , wenn er auf König Karl die größten Hoffnungen bauteund die Mithilfe zur heiß ersehnten Kirchenerneuerung von ihmerwartete 62 . Um so willkommener mußte ihm nunmehr die Ge-legenheit zu persönlicher Aussprache mit ihm sein; hing ja dochsein eigenes Lebenswerk nicht zuletzt von dem Maße an Unter-stützung ab, die ihm von Seiten des Königs zuteil wurde. Dahernahm er nach anfänglichem Widerstreben 63 die auf ihn gefalleneehrenvolle Wahl der Signorie an 64 und machte sich am 5. Novem-ber in Begleitung dreier Ordensbrüder auf den Weg ins königlicheHauptquartier 65 , das sich eben in Lucca befand. Hier war schonvor ihnen der Kardinal Piccolomini als legatus a latere eingetrof-fen, um gutes Wetter für den Papst zu erbitten; er ward jedochvom König weder als Legat anerkannt noch zur Audienz vorge-lassen, da er nicht von einem rechtmäßigen Papste gesandt sei 66 .Aber auch Savonarola ward in Lucca vom König nicht empfangen,der eben nach Pisa aufbrach; so mußte er ihm nach Pisa folgen,wo er mit den übrigen vier Gesandten zusammentraf 87 . Erst jetztvermochte er sich seines Auftrages zu entledigen, wobei er an denKönig eine Ansprache hielt, die das getreue Spiegelbild seinerDenkweise und zugleich einen Abriß seiner ganzen bisherigenPredigt darstellte 68 .Christlicher König und großer Vollstreckerder göttlichen Gerechtigkeit! Der allmächtige Gott, in dessen Handalle Macht und Herrschaft liegt, teilt seine unendliche Güte aufdoppelte Weise an seine Geschöpfe aus, nämlich mittels seinerBarmherzigkeit und seiner Gerechtigkeit. Mittels seiner Barm-herzigkeit, indem er das Geschöpf zur Liebe lockt und bekehrt;mittels seiner Gerechtigkeit, indem er es ob seiner Mißverdienstehäufig von sich stößt. Diese beiden Arten sind so miteinander ver-knüpft, daß sie in allen seinen Werken und Geschöpfen stets zu-sammengehen, wie geschrieben steht: ,Alle Wege des Herrn sindBarmherzigkeit und Wahrheit 60 .' An den Verdammten läßt er seineGerechtigkeit aus, indem er sie nach dem Maße ihrer Sünden be-straft; seine Barmherzigkeit aber erweist er ihnen, indem er sieauf Grund ihrer eigenen Werke und gelinder, als es diese ver-dienten, züchtigt. Den Seligen aber gewährt er Barmherzigkeit,indem er ihnen seine Herrlichkeit in reichlicherem Maße schenkt,als ihre Werke und Mühen verdienten; zugleich aber wahrt erseine Gerechtigkeit, da er sich bei der Verteilung seiner Herrlich-keit an die größeren oder geringeren Verdienste ihres verflossenen