KARL VIII. UND DIE KIRCHENERNEUERUNG 171
Verbindung mit dem Großtürken, empört 55 . Der Kardinal Picco-lomini war mit der feindseligen Stimmung, die in der Umgebungdes Königs gegen den Papst herrschte, wohl vertraut. „Vielesagen," schrieb er an diesen 56 , „die Franzosen brüsteten sich offen,ihr König ziehe zur Reform der Kirche nach Rom. Sie versichernauch, er führe durch, was er sich vorgenommen." Der Kamal-dulensergeneral Peter Delphin bezog auf die Ankunft Karls VIII.,des „Galliers", was die Kirche von einem ganz anderen „gallus",jenem Hahne nämlich singe 57 , von dem erweckt der Morgensterndie Nacht verscheuche, bei dessen Krähen einst sogar Petrus seineSchuld beweint habe und nun auch wir aus dem Schlafe erwachensollten. Und nicht bloß Delphin selbst, sondern auch sein Freund,Bischof Barozzi von Padua, mit dem er in regem Briefwechselstand, hielt es im Hinblicke auf das eingerissene Sittenverderbnisfür wahrscheinlich, ja für gewiß, daß nicht bloß die Gallier, son-dern, wenn nötig, sogar die Türken nach Italien kommen müßten, . Q.»um eine Besserung herbeizuführen 58 — eine Überzeugung, die ermit Aussprüchen aus den Propheten wie mit Vernunftgründenbewies. Der Kamaldulenser bemerkte, er habe diesen Brief seinesbischöflichen Freundes vielen Leuten gezeigt, die alle ebenfalls derAnschauung seien, der gegenwärtige Zustand der in alle Laster undVerbrechen versunkenen Welt fordere den Zorn Gottes heraus.Der künftigen Reform müsse aber die Züchtigung notwendig vor-ausgehen, weshalb viele geradezu wünschten, Karl, der Voll-strecker der göttlichen Gerechtigkeit, möge endlich kommen undnicht mehr zögern. Namentlich die große Menge, die bei einemUmschwünge der Dinge nichts zu verlieren habe, könne ihreFreude über den Anmarsch des Königs nicht verbergen 59 , währendallerdings die kleine Schar der Herrschenden desto größere Angstverrate, je mehr für sie auf dem Spiele stehe. Auch in Rom selbstwar 1491 ein Mann aufgetreten mit einem hölzernen Kreuze inder Hand, der große Trübsale und die Ankunft eines Engelspapstesvoraussagte, dem nur mehr das Seelenheil am Herzen liegenwerde 80 . Ebenso war in Florenz die Hoffnung auf den Engels-papst lebendig und gerade in den Savonarola nahestehendenKreisen im Schwange; wie es, allerdings fälschlich, hieß, gab sichdieser sogar selbst für den Engelspapst aus 61 .
Savonarola folgte somit lediglich, jedenfalls mehr als er sichdessen selbst bewußt war, dem allgemeinen Zuge der italienischen