FRANZ MEI 141
S. Marco abgelegt und sich später als gefeierter Kanzelredner 103einen Namen gemacht. Unter der Herrschaft der lombardischenErleichterungen eingetreten und seit Jahren daran gewöhnt, ver-mochte er sich mit der Strenge der neuen Reform nicht zu befreun-den; und das beschämende Gefühl, sich in seiner Wirksamkeit aufder Kanzel durch das helle Licht, das mit der Ankunft des Frem-den aus Ferrara in S. Marco aufgegangen war, so gänzlich über-strahlt zu sehen, trug zu seiner Abneigung gegen ihn ohne Zweifelnicht wenig bei. Seine feindselige Gesinnung verleitete ihn, in demWerke des Mannes, den er als seinen Gegner und Nebenbuhler an-sah, nichts als selbstsüchtige Beweggründe zu erkennen; so schrieber die Trennung nicht dem Streben nach strengerer Observanz,sondern hochmütiger Anmaßung des Priors zu, dem es lediglichum eine unabhängige Stellung zu tun sei. Darob zur Rede gestellt,leugnete er es weinend und beteuerte dem Oberen von S. Marco:„Niemals werde ich wider euch und eure Werke sein." Dieserdurchschaute ihn jedoch und gab ihm zur Antwort: „Ein Stabaus Rohr ist deine Stütze, du wirst dir deine Hände damit durch-bohren" 110 . Fortan bewährte sich Mei als der erbittertste GegnerSavonarolas, den er mit geradezu tödlichem Hasse verfolgte 111 . InRom, wohin er sich nach der Trennung begab, stieg er rasch zueiner der höchsten Würden seines Ordens empor und benützte denmächtigen Einfluß, über den er verfügte, um den Oberen vonS. Marco und seine Schöpfung zugrunde zu richten, wie er sichspäter selbst rühmte 112 .
Die üblen Gerüchte, die über die Trennung und ihre Ursachenim Umlaufe waren, blieben Savonarola nicht verborgen. Um siezu zerstreuen, verbreitete er sich über die Absichten, die ihn hier-bei geleitet hatten, ausführlich in einem Schreiben, das eram 10. September 1493 an eine Äbtissin seiner Vater-s t a d t 113 richtete. Die Trennung, erklärte er, kann an sich sowohlgut als schlecht sein. Man darf sich nicht nach dem trügerischenAugenschein richten, man muß sich vielmehr an seine Früchtehalten, wenn man einen Baum beurteilen will. Falsch ist jeden-falls, was man der Äbtissin hinterbrachte, als hätten wir hier eineandere Lebensweise, eine neue Art der Kleidung, des Essens undTrinkens und anderer Zeremonien eingeführt. Wohl schafften wirmanche mit den Urkunden unserer Väter unvereinbaren Dingeab, in denen sich die Ordensleute von heutzutage, die sich doch