u4 DER PRIOR VON S. MARCO
in Haltung und Ausdruck auf des Priesters Gebet richtig und ausdem Gedächtnis, ohne sich durch die nun schon offen hervor-brechenden Schmerzensausdrücke seiner Angehörigen irgend be-irren zu lassen.
Diese beiden Darstellungen 36 , von welchen wir die erstere diedominikanische, die letztere die polizianische nennen wollen, wei-chen so wesentlich und augenfällig voneinander ab, daß sie un-möglich nebeneinander bestehen können und nur die Wahl übrig-lassen, sich entweder für die eine oder für die andere zu ent-scheiden. Diese Entscheidung kann nicht schwer fallen. Aller-dings spricht zugunsten der dominikanischen Schilderung der Um-stand, daß sie auf die Angabe des einen der Hauptbeteiligten, wohlSavonarolas selbst, zurückzugehen und dem harten, unbeugsamenWesen dieses Mannes, wie man es sich gewöhnlich vorstellt, sowieseinem auch bei anderen Gelegenheiten bezeigten schroffen undabweisenden Benehmen gegenüber dem Medici besser zu entspre-chen scheint als die sanftmütige Haltung, die er nach Polizian ein-nimmt 36 . Die Schwäche der dominikanischen Überlieferung liegtdarin, daß sie erst acht Jahre nach dem Tode Lorenzos auftrittund bei näherem Zusehen keineswegs auf den Aussagen einesAugen- oder Ohrenzeugen, sei es Savonarolas selbst, sei es seinesBegleiters 37 , sondern auf den Angaben eines ganz Unbeteiligten,also letzten Endes auf dem bloßen Hörensagen, auf einemGerüchte, beruht 38 . Dagegen macht es die Stärke der Mit-teilungen Polizians aus, daß er dem von ihm gemeldeten Ereig-nisse als Augen- und Ohrenzeuge anwohnte und nicht erst nachJahren, sondern schon wenige Wochen nachher schriftliche Fas-sung verlieh. Die Erzählung Polizians wird überdies Zug für Zugdurch die Angaben anderer, vorzüglich unterrichteter Männer,wie des mailändischen Gesandten Castigliq ne 39 , des BiographenValori und des Chronisten Pete r Parenti vollauf bestätigt 40 , wäh-rend der dominikanischen Darstellung das bei ihrem prickelndenInhalte ganz unbegreifliche Schweigen der gleichzeitigen floren-tinischen Schriftsteller entgegensteht. Der letzte Zweifel an dervollen Glaubwürdigkeit Polizians muß nun aber angesichts desZeugnisses schwinden, das der Beichtvater Lorenzos, der ihm inseinen letzten Stunden beistand, seine Lebensbeichte abnahm undbis zum letzten Atemzuge nicht von der Seite wich, ablegte,Guido, der Prior des Kamaldulenserklosters zu den Engeln in