Druckschrift 
1 (1924) Das Leben
Entstehung
Seite
108
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DER PRIOR VON S. MARCO

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warnte, in seiner Predigteinen gewissen Punkt" zu berühren; undebenso gleichgültig ließ ihn die eindringliche Vorstellung, daß erzu deutlich werde und die wunde Stelle berühre. Auch durch dieVorstellung, es könnte ihm das Schicksal des Franziskaners Bern-hardin von Feltre beschieden sein 10 , ließ sich der Ferrarese nichteinschüchtern. Er versicherte schon damals, auf den heftigstenKampf mit einer doppelten Macht, mit der weltlichen und mit derkirchlichen, mit einer doppelten Weisheit, mit der philosophischenund mit der theologischen, und mit einer doppelten Bosheit, mitder offenen und mit der versteckten, gefaßt zu sein 11 , und be-teuerte, wenn Christus abermals auf die Welt käme, so würde erabermals gekreuziget werden 12 . Als er in der Osterwoche 1491 mitder Predigt im Palast in Gegenwart der Signorie betraut war 13 , ließer die günstige Gelegenheit, der obersten Stadtbehörde ernstlichins Gewissen zu reden, nicht unbenutzt. Wenn er sich auch, wieer selbst bekannte 14 , nicht verhehlte, daß er im Palast nicht wie inder Kirche Herr, sondern nur Gast sei, und daher einige Rücksichtzu nehmen habe, so trug er doch kein Bedenken, gleichsam denStier bei den Hörnern zu packen und die Abstellung der Haupt-mißstände zu fordern, die der Regierung Lorenzos zur Last fie-len 15 .' In einem Gemeinwesen, erklärte er, geht wie alles Gute, soalles Böse vom Oberhaupte aus, dem daher entweder eine großeKrone oder eine große Qual bevorsteht. Wie ihm, ist er fromm,die ganze Stadt auf dem Wege der Heiligkeit nachfolgt, so ist um-gekehrt die Sünde groß, die er sich durch Unterlassung des Gutenzuzieht. Doch sind die Tyrannen unverbesserlich, sowohl um ihresHochmutes und der Schmeicheleien willen, an die sie gewöhntsind, als auch wegen der Zurückerstattung des fremden Gutes,wozu sie verpflichtet wären und sich doch nicht herbeilassen wol-len. Sodann auch wegen ihrer groben Verfehlungen gegen einebillige Steuerverteilung, gegen Maß, Gewicht und Geldwährung,gegen Handhabung einer unparteiischen, den Geboten der Gerech-tigkeit und Sittlichkeit entsprechenden Rechtspflege; endlich we-gen ihrer Bedrückung der Armen, wegen Fälschung der Abstim-mungen bei Ratsbeschlüssen und Wahlen, wegen Einsetzungschlechter Beamten, Führung ungerechter Kriege und ähnlicherverderblicher Dinge.

Was nun den heftigen Angriffen des Predigers auf den Mann,vor dem sich in der Stadt selbst die Vornehmsten beugten, um so